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Berauschendes Klang-Erlebnis: Lorin Maazel und seine Münchner Philharmoniker in Tokios Suntory Hall. Zwölf Konzerte in neun Städten stehen auf dem Tournee-Plan.

Philharmoniker: Starkult als Tagesgeschäft

München - Die Münchner Philharmoniker reisen derzeit mit ihrem Chefdirigenten Lorin Maazel durch Asien. Ein Tpurnee-Bericht.

Seit einer Woche sind die Münchner Philharmoniker und ihr Chef Lorin Maazel nun in Fernost unterwegs, um ihren ganz schön strammen Routenplan zu stemmen. Zwischen dem 12. und 28. April spielen sie zwölf Konzerte in neun Städten, verteilt auf drei Länder, mit im Gepäck: vier verschiedene Programme – da kann man schon beim bloßen Lesen ins Schnaufen geraten.

Die Reisestrapazen und geballte Konzertlast ist den Musikern aber nicht anzumerken, die Stimmung ist prächtig, die Konzerte sind umjubelt. Das hat freilich zu einem großen Teil mit dem wundersam-agilen Maestro zu tun. Seit 50 Jahren reist Maazel nun durch Asien und genießt beim Publikum Starkult, der westlichen Verhältnissen spottet. Er ist nunmal seit seiner frühesten Kindheit an die große internationale Musikszene gewohnt, weltweites Konzertieren ist sozusagen Tagesgeschäft.

Dass Maazel Ende Januar mit dem Chicago Symphony Orchestra Asien bereist hat und ausgerechnet an jenen Orten gastierte, zu denen nun die Münchner reisen, mutete zunächst merkwürdig an. Kritische Stimmen sahen das Münchner Image angekratzt, warfen laxen Umgang mit der hiesigen Chefposition vor. Dies sei kein Grund zur Besorgnis, wie Philharmoniker-Intendant Paul Müller versichert: Eine absolute Notsituation sei dies gewesen, als Maazel für den erkrankten Riccardo Muti einsprang. Auf dieser Ebene in solch einer Situation höre das Konkurrenz-Denken auf, betont der Intendant.

Auf „seiner“ Tournee kann Müller eine positive Zwischenbilanz ziehen. Alle Konzerte sind ausverkauft, der Maestro ist wohlauf und gut gelaunt. Wobei das durchaus auch ins Schwanken geraten kann, und sei es nur für einen kurzen Moment: Nach Tourstart in Nagoya, einem „Beethoven-Mittag“ in Tokio, weiter über Sapporo und Osaka steht in der Suntory Hall in Tokio unter anderem Tschaikowskys „Romeo und Julia“-Ouvertüre auf dem Programm. Alle haben sie vier Stunden Zug hinter sich und gerade noch zwei Stunden Zeit, bis die Besucher in den Saal strömen. Als in der Probe eine Stelle zum wiederholten Mal nicht klappt, wirft Maazel beinahe die Partitur gen Musiker, mahnt zu absoluter Konzentration, wenig später streckt er die geballte Faust nach oben und lächelt verschmitzt.

An solchen Gesten erkennt man, wie streng Maazel mit sich und seinem Klangkörper ist, wie ernst ihm eine Tournee im Allgemeinen und sich eine vermeintlich von selbst spielende Ouvertüre im Speziellen ist.

Das Ergebnis solch absoluter Disziplin war an diesem Abend berauschend, der Tschaikowsky gelang wunderbar harmonisch, durchsichtig, nicht mit breitem Pinsel aus der vollen Farbpalette, wie man das sonst häufig hört. In Strawinskys „Sacre du printemps“ lotete Maazel die Grenzen zwischen transparenter Pastellmalerei und überbordendem Sinnenrausch aus, in den Fortissimo-Stellen vielleicht etwas übersteuert: Dieser akustisch so wundervolle Saal kann sich also auch rächen.

Das Publikum wurde davon aber alles andere als fortgefegt, es blieb und klatschte so lange, bis der Maestro sich noch einmal die Ehre gab, als längst alle Musiker von der Bühne waren – in Japan (und gerade bei Maazel) keine Seltenheit. Auch der Solist des Abends, Ryo Goto, wurde für seine Interpretation von Paganinis erstem Violinkonzert (vor zwei Wochen ja schon in München „erprobt“) mit Wellen der Begeisterung beschenkt – trotz oder wegen der geradezu dreist-ausgedehnten Solokadenz von gut fünf Minuten. Nach einem weiteren Konzert in Tokio mit Wagner-Vorspielen und Bruckners dritter Symphonie geht es am Sonntag weiter ins südkoreanische Seoul. Ob man dort derzeit Ohren für Beethoven hat? Oder gerade erst recht?

Johann Jahn

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