Start der Pinakothek der Moderne unter weiß-blauem Himmel

- Er hatte sein Kissen schon früh ins Fenster gelegt, damit ihm auch wirklich nichts entgehe. Denn der rote Teppich, der an diesem Montagmorgen über dem Kies ausgerollt war, die Fahnen, die man gehisst hatte, die vielen Polizisten, dazu das Abschleppauto, das einige Pkw von der Straße holte - hier musste sich doch noch Großes ereignen.

<P>Und jener Mann aus der Gabelsbergerstraße Nummer 8, der mit seiner Vermutung natürlich Recht behielt, kam auf seinem Logenplatz voll auf seine Kosten. Denn direkt gegenüber von seinem Haus erfolgte die feierliche Eröffnung eines anderen, sehr viel größeren Hauses, der Pinakothek der Moderne. Mit allem Brimborium _ mit dem Bundespräsidenten, dem Ministerpräsidenten und Kanzlerkandidaten, mit Kardinal, Landesbischof und Popen, mit Königlichen Hoheiten, Fürstin Gloria, und vereinzelt ward in dem Tempel der Künste erstaunlicherweise auch ein Maler, Bildhauer oder Designer gesichtet. Wollte man doch fast schon glauben, das Protokoll der bayerischen Staatskanzlei habe die Wichtigsten, die bildenden Künstler, ganz vergessen.</P><P>Aber zurück zu unserem Zaungast aus der Gabelsbergerstraße 8. Dass er einst an so herausragendem Ort wohnen würde, hatte sich unser Zeuge der großen Auffahrt wohl kaum träumen lassen. Jetzt aber sah er tatsächlich die Prominenz über den roten Teppich hineinrauschen ins schöne Museum. Das war ihm Genuss genug. Die staatstragenden Reden von Edmund Stoiber und Kunstminister Hans Zehetmair hätten ihn vermutlich ohnehin gelangweilt. Was er aber bedauerlicherweise von seinem Fensterplatz aus nicht miterleben konnte, das war der Zauber, der von der Eröffnungsmusik ausging, der flirrenden "Insel der Sirenen", komponiert von dem jungen Jörg Widmann, atemberaubend wiedergegeben von der Geigerin Isabelle Faust und dem Münchener Kammerorchester unter Christoph Poppen.</P><P>Und Sirenen gleich zog auch die Pinakothek der Moderne mit ihren unermesslichen Schätzen an diesem Vormittag die festlich gestimmten Gäste in ihren Bann. Der Mann von gegenüber wird ahnen, welchen Reichtum an Kunst dieses Haus birgt, er wird die erste Woche des freien Eintritts nutzen und sich mit den neuen Nachbarn Beckmann, Picasso, Klee, Warhol, Beuys oder Colani bekannt machen.</P><P>Bei dieser Eröffnung des größten Museum-Neubaus in Deutschland, der München und Bayern einen ersten Platz unter den Kunstmetropolen der Welt sichert, gab sich alles, was Rang und Namen hat in dieser Stadt, ein Stelldichein. In vorderster Reihe die Vertreter der Politik. Von welch hoher kulturpolitischer Bedeutung fürs ganze Land dieses neue Haus mit seinen vier Museen, mit Kunst, Design, Architektur und Graphik ist, wurde durch die Anwesenheit von Bundespräsident Johannes Rau unterstrichen.</P><P>In der hellen, lichten Rotunde, im architektonischen Herzstück des Stephan-Braunfels-Baus, begrüßte Reinhold Baumstark, Generaldirektor der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, mit nobler, souveräner Geste seine illustren Gäste. Und erinnerte in seiner Rede an die Zeit der Schande in dieser Stadt, als die Kunst der Moderne geschmäht und entwürdigt wurde. Heute, so Baumstark, tragen mit der Pinakothek der Moderne Stadt und Land die Botschaft der Freiheit und der Toleranz hinaus in die Welt. Kunst sei in diesem Land nicht Ornament, sondern eine Ordnungsmacht im Leben der Menschen. Baumstarks aufrichtiger Dank für diese "Sternstunde der Kulturpolitik" galt nicht nur den Politikern und Parlamentariern, er galt auch Johann Georg Prinz von Hohenzollern, seinem Vorgänger, sowie den Sponsoren und Bürgern dieser Stadt. Ihr privates Engagement mit insgesamt 15 Millionen Euro hat die Realisierung der Museumsvision überhaupt erst ermöglicht.</P><P>Und Kunstminister Hans Zehetmair, dessen Verdienste um die dritte Pinakothek schon ausgiebig in dieser Zeitung gewürdigt wurden, nutzte die Gelegenheit des Festaktes, ebenfalls seinen Dank auszusprechen _ nicht zuletzt auch für die Zusage der Sponsoren, für den noch ausstehenden zweiten Bauabschnitt ebenfalls zehn Prozent der Kosten aufzubringen. Zehetmair: "Diese Pinakothek der Moderne ist ein lebendiges, aber schutzbedürftiges Gesamtvorhaben." Wann das abgeschlossen sein wird, wann wieder Teppich und Fahnen ausgerollt werden und wann der Mann aus dem dritten Stock in der Gabelsberger 8 abermals auf die Mächtigen der Politik herabsehen darf, das weiß im Moment allein der Himmel, der sich gestern zur Feier des Tages von seiner schönsten weißblauen Seite zeigte.<BR></P><P><BR> </P>

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