Der Staub des Alltags

- Bier, Fußball, ein paar Graffities und krasse Kontaktanzeigen von der Klowand: Das sind die Zutaten für Kunst. Das Banale feiert sich selbst. Der Blick auf die Langeweile bestimmt eine neue Ästhetik. Florian Süssmayrs Arbeiten werden nie in einem Elfenbeinturm verstauben, sondern viel mehr den Staub des Alltags und der Straße aufnehmen. Bisher installierte der Münchner seine Werke vorzugsweise in leer stehenden Hallen.

Museal wird er jetzt erstmals im Haus der Kunst München. "Dass das einmal passieren wird", war Süssmayr klar. Dass er es nicht bei einer braven Präsentation belässt, war ebenso zu erwarten. Rahmenlose Werke auf Pressspanplatten durchkreuzen die Ehrenhalle. Als Antwort auf die Ruhmesräume des "Dritten Reichs" hängt erhöht eine Collagen-Malerei mit einem Zusammenschnitt von Massenbewegungen und Propaganda-Aufmärschen, beherrscht von einer Bikinischönheit als Transfer auf heutige Ideale.<BR><BR>Süssmayr ist die malerische Fortsetzung des Sozialreporters. Er porträtiert ungeschönt, die Interpretation liegt in der Auswahl. Hier erweist sich der Münchner, Jahrgang 1963, als Szenekenner: In den 80er-Jahren half er dem Punk mit auf die Beine und vermischte die No-Future- und Aggressions-Haltung der Jugend mit den Anliegen von Neo-Dada und dem Ausdrucksdrang eines angehenden Künstlers, der mit Kino und Film, Literatur und Foto experimentierte. <BR><BR>Was das Leben ausmacht <P>Süssmayr war nach seinem Einstand bei der Münchner Galerie Schöttle im Werkstattkino, ab 1990 dann als Kameramann und Lichttechniker unterwegs. In den 90er-Jahren zeichnete er die ersten Porträts, ab 1997 sattelte er um auf Öl. Mittlerweile porträtiert der Ex-Punker mit dem nihilistischen Blick soziale Wirklichkeiten. Stehausschänke, akribisch mit Erfassungsdatum und -ort versehen, markieren all das, was das Leben ausmacht: Zeitvergeudung zwischen Bierglas und Aschenbecher.<BR><BR>"Meine Bilder werden immer flacher", so Süssmayr, "ohne Vorder- oder Hintergrund. Und sie sind so banal wie möglich." Oder so wirklichkeitsnah wie möglich. Dazu gehören derbe Sexualität via Klosprüche und Schimpfwörter auf schwarzen Wänden. Die Skizzenfotos werden im gemalten Großformat zu abstrakten und allgemein gültigen Bildern der Gesellschaft.<BR><BR>Süssmayr hat aber auch eine verträglichere Seite. Biertische, zuerst als Frottagen gebannt, dann zur abstrakten Totale aufgezogen, oder Notizzettel mit Bierreklame können als Bild per se mit einer Prise Sarkasmus erfreuen. Eine Serie Fußballfelder wird, menschen- und balllos, zur Flächenerfahrung. Umstürzende Bäume, begrenzte Lichtungen, starkes Schattenspiel sowie eine Farbigkeit, die sich dem Schwarz-Weiß nähert, werden mit Schlaglichtern und weichen Übergängen kontrastiert und deuten eine alte Gattung um.<BR><BR>Süssmayrs Blick ist hier zu emotionslos, um freundlich oder garstig zu sein. Er ist das Produkt einer No-Future-Generation, die aus dem Gröbsten raus ist. Und jetzt die Niederungen der Normalität seziert.</P><P>Bis 1. Mai, Tel. 089 /21 12 71 57. Außerdem noch in der Galerie Schöttle, Tel. 089/ 34 22 96: 5. März bis 6. April<BR></P>

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