Staunen über das Absonderliche

- Was haben ein gewaltiger Nilpferdschädel, Miniaturmöbel aus Bernstein und eine Prunkschale mit Susanna im Bade miteinander gemeinsam? Was verbindet feinstens beschnitzte Pflaumenkerne mit der Jagdgöttin Diana, die auf einem Hirsch reitet und als Trinkspiel mit Automatenlaufwerk zu allerlei Scherzen an nobel gedeckten Tischen einlud? Das alles und noch viel mehr ist jetzt zu bestaunen in den vier Sälen eines neuen Museums im sanierten Damenstock der Landshuter Burg Trausnitz: ein Komplex von Kunst- und Wunderkammern auf 1 200 Quadratmetern nach Art der Renaissance-Ideen.

<P>Bauherr der Sanierung des Damenstocks der Trausnitz - mit spätgotischen Netzgewölben im Erdgeschoss für das Besucherzentrum und die Gastronomie - war für rund 2, 99 Millionen Euro die Schlösserverwaltung. Die dortigen Kunst- und Wunderkammern wurden als neue Filiale vom Bayerischen Nationalmuseum durch Sigrid Sangl (München) und Peter Hohenstatt (Mailand) installiert, gefüttert mit allerlei Leihgaben, um ein möglichst komplettes Programm zu verwirklichen.</P><P>Rekonstruiert wird, was seinerzeit an Wundern der Natur und menschlicher Hände Fleiß gesammelt wurde - längst, bevor es Museen gab. Bevor der Landshuter Erbprinz Wilhelm, vermählt mit Renata von Lothringen, als Herzog Wilhelm V. in München zu residieren begann, ließ er die Burg Trausnitz nach dem Vorbild von Florenz, Ferrara und Mantua als Musenhof der nun auch bei den Wittelsbachern angekommenen Renaissance. Laubengänge, Lustgärten und die berühmte Narrentreppe der Trausnitz entsprachen dem Geist einer in allerlei Virtuosität und Verschränkung endenden Epoche eines neu erwachten, spielerisch gewordenen Humanismus. Der fürchterliche Brand der Trausnitz von 1961, dem mit allen Räumen des Fürstenbaus insbesondere die Renaissance-Zimmer Wilhelms V. zum Opfer fielen, ist heute nahezu vergessen.</P><P>Die Idee zu solchen Kunst- und Wunderkammern kam aus dem Florenz der Medici. Die wundersamen Schönheiten der Natur wurden gesteigert durch die Kunstfertigkeiten der dienenden und schöpferischen Menschen. Gesteinsarten wurden gesammelt, um glatt geschliffen und zu Gefäßen mit vergoldetem Silber verarbeitet zu werden. Der Mensch feierte seine eigenen Fähigkeiten in demütiger und zugleich kreativer Bewunderung dessen, was Tiefsee und Hochgebirge, Wald und Feld, Mensch und Tier, nahe und ferne Kontinente im Laufe unermesslicher Zeiten hervorgebracht haben.</P><P>In der Trausnitz ist alles wohl geordnet in den Gruppierungen der Naturalien und Exotica, der Instrumente und der Kleinkunstwerke: insgesamt rund 750 Objekte.<BR>Empfangen werden die Besucher von Bronzen aus der Werkstatt Gianbolognas. Sie werden weiter geführt zu Serpentin- und Alabastergeschirr, zu Schlössern und anderer Eisenkunst, zu Muscheln und Seeigeln, zu großen Tritonshörnern und zu unbestimmbaren Fischwesen, die als Möbelzier dienten. Kabinettkästchen mit Elfenbeineinlagen zierlichen Charakters wechseln mit raffinierten Scherzartikeln.</P><P>Der zweite Saal dient der Naturkunde. Hervorgerufen wird auch heute das Staunen über das Absonderliche. Ein Stock höher die Exotica: Ein indisches Schreibpult aus Holz, Messing und Elfenbein mit großen Pfauenfächern konkurriert mit einer Kassette aus der Seychellennuss, Kabinettkästen mit orientalischer Ornamentik samt Drechselarbeit.<BR>Der Saal der wissenschaftlichen Instrumente hat sein Hauptstück in einer vergoldeten Augsburger Armillarsphäre von 1569. Vermessen wurden Himmel und Erde, die Gestirne und die Wegstrecken.</P><P>Infos: Tel.  089/21 12 42 70 oder 0871/924 11-0, -44.<BR></P>

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