Staunen wieder lernen

- Im Neuen Grünen Gewölbe im Dresdner Schloss funkelt es jede Stunde ein bisschen mehr. Die Kostbarkeiten, die die Mitarbeiter des Museums tagtäglich vorsichtig mit weißen Handschuhen in den Hightech-Vitrinen arrangieren, werden behutsam ausgeleuchtet. Obwohl auch sie noch nicht im richtigen Licht steht, ist Direktor Dirk Syndram schon restlos begeistert von der 1620 von Jakob Zeller geschaffenen Elfenbeinfregatte. "Mein Lieblingsstück", bekennt der Museumschef, der seit 1993 die Schatzkammer der sächsischen Könige und Kurfürsten behütet.

<P>Die pergamentdünnen Segel und Fahnen aus Elfenbein scheinen sich im Wind zu wiegen. In der Takelage aus Goldfäden klettern Matrosen, und filigran aus Eisen geformte Anker hängen am Schiffsrumpf. "Seit sie 1727 aus der Kunstkammer heraus genommen wurde, stand sie inmitten anderer Exponate auf der Elfenbeinwand." Das frühbarocke Meisterwerk war im Albertinum kaum zur Geltung gekommen. "Man kann hervorragende Stücke in einer Vitrine auch verschwinden lassen." Nun sei die Fregatte endlich von allen Seiten zu betrachten.<BR><BR>Bereits jetzt, vor der Öffnung für Besucher am 8. September, sind fast alle Vitrinen gefüllt und beschriftet. Nach fast 60 Jahren Interim befinden sich die ersten rund 1020 Stücke der Sammlung wieder dort, wo sie Sachsens legendärer Kurfürst August der Starke (1670-1733) als erster Regent Europas allen Menschen zugänglich machte. Die 1945 zerstörten Räume der "Geheimen Verwahrung" - das historische Grüne Gewölbe - wird unterdessen noch rekonstruiert und erst 2006 eröffnet.<BR><BR>Viele der Stücke, die Syndram und seine Mitarbeiter unter Glas ins rechte Licht rücken, waren seit ihrer Rückkehr aus der Sowjetunion 1958 im Depot verborgen, andere hatten von 1974 bis Ende 2003 im Interim fast 20 Millionen Besucher angezogen. Zehn Jahre lang wurden die Preziosen aus der 1723 bis 1729 entstandenen Schatzkammer, die zu den reichsten Europas zählt, restauriert. "Im neuen Teil des Museums können die Besucher viele Entdeckungen machen, auch an Stücken, die sie schon kennen", verspricht Syndram.<BR><BR>"Wir schicken sie auf eine Erlebnisreise." Sehen können sie dann auch, wie sich bei Hofe die Zeit vertrieben wurde. Mit Würfeln aus Elfenbein mit Rubinen-Augen, Spielmarken in Silber und Gold oder einer Art Backgammon namens TricTrac, erzählt Syndram. Das Spielbrett wurde 1655 ebenso aus Edelhölzern angefertigt wie die Steine: schwarze mit den Bildnissen der römischen Kaiser und weiße mit den Porträts der Kaiser des Heiligen römischen Reichs deutscher Nation. "Da kann man das Staunen wieder lernen, in bestem Sinne das kindliche Staunen über die Pracht, aber auch über die Qualität, die Detailfreude und die Geschichte."<BR></P><P>Residenz, Taschenberg 2, Tel. 0351/ 491 46 19.<BR></P>

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