Das steckt an

- Die Zeit liegt nicht lang zurück, als München - was die Alte Musik betrifft - im Tal der Konzertlosen schlummerte. Nur dank der CD-Sortimente von Beck & Co. waren Originalklangmaestri präsent, während in Sälen und Kirchen pappiger Barockbrei gerührt wurde. Und heuer? Herreweghe und Savall waren schon da, Emma Kirkby jauchzt morgen. Und Ton Koopman hat gerade vorgeführt, wie man mit Händels "Messias" ein an Bronchialproblemen krankendes Publikum zum Trampeln bringen kann (Philharmonie).

<P>Mit Beruhigungstropfen ans Cembalo</P><P>Zu Herreweghes sorgsam abgeschmeckten Interpretationen bietet Koopman den Gegenentwurf. Offensiver ist sein Zugriff auf Barockes, ansteckend seine Vitalität und unwiderstehlich der Charme, durch den Wohlbekanntes überrumpelt. Wobei er keine Leistungsschau beabsichtigt: Koopmans Auffassung wurzelt in bester Kantorentradition, die Vermittlung des Bibelgeschehens in vielfarbiger Lebendigkeit ist sein Ziel.</P><P>Amsterdam Baroque Choir & Orchestra beeindrucken zwar durchs technische Niveau, Koopman nimmt aber Unebenheiten, die den Klang aufrauen und erst interessant machen, in Kauf. Da werden den Chortenören Muskelspiele gestattet, während die Kolleginnen feinste Sopranstrahlen aussenden, da darf die Trompete dem Solo-Bass die Schau stehlen - wie überhaupt das Agieren der Musiker immer wieder Aufmerksamkeit bannt. Am stärksten Koopman, bei dem es scheint, er könne nur mit Beruhigungstropfen ans Manual gelassen werden: So energisch und impulsiv leitet er die Aufführung vom Cembalo aus.</P><P>Dieser Abend war Mosaikstein einer anstrengenden Tournee, was passagenweise hören war. Christoph Prégardien (Tenor) fand erst im Passionsteil zu gewohnter Gestaltungskraft, in Franziska Gottwalds charakteristische, ausdrucksmächtige Alt-Soli schlichen sich Verhärtungen. Sopranistin Deborah York bewies, dass ihre instrumentale Emphase bei Händel besser aufgehoben ist als bei Mozart-Einsätzen im Nationaltheater. Und der eindringliche Klaus Mertens (Bass) schien selbst von Koloraturkaskaden wenig geschockt - der Ruhepol eines Abends, an dem die Stars zuletzt ins Chorglied zurücktraten: zur bejubelten Zugabe des "Halleluja".<BR></P>

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