Verzogenes Mordmädchen: Salome (Emily Magee) im Mund von Jochanaans Kopf. Foto: Osterfestspiele Salzburg/forster

Stefan Herheims und Simon Rattles maßlose „Salome“

München - Ein Halsband mit vier Perlenreihen, feurige Opale, sogar Topase wie Tigeraugen kann sie gerne haben, nur bitte nicht diesen blutigen Prophetenkopf.

Und dann wird das Haus in grünliches Licht getaucht, während Salome ins Parkett starrt: Da also sitzen die Klunkerträger - und nehmen langsam übel. So weit, dass viele nach dem letzten Akkord die Contenance fahren lassen, mit pikiertem Kopfschütteln, schrillen Buhs und unfeinen Pfiffen noch im Dunkeln Garderoben und Schampus-Empfang entgegeneilen. Salzburgs Osterfestspiele, der Welt exklusivstes Festival, demnach vom Skandal gebeutelt?

Es ist eben alles ein großes Missverständnis. Eines der Kartenkäufer, die hier noch immer glauben, für 500 Euro im Klassikstadl sitzen zu dürfen - was mit Wagners verdämmertem „Ring“ in den vergangenen Jahren ja passiert ist. Und auch ein Missverständnis des aktuellen Regisseurs, der alles, was ihm je bei „Salome“ durch den Kopf gegangen ist, in diese neunzig Minuten presst. „Bildmächtig“, so dürfte Stefan Herheims Deutung jetzt genannt werden. Dabei ist sie viel mehr: maßlos, verstiegen, aufgebläht bis zur Geschmacklosigkeit - und damit doch aufs Schönste Strauss’ Vorgaben erfüllend.

Herheim interessiert nicht nur die Geschichte eines verzogenen Mordmädchens. Unter einem gigantischen Video-Mond, dessen Oberfläche auch vulkanisch aufbricht, vollzieht sich mehr. Dominiert wird diese Arena im Sternenmeer (Bühne: Heike Scheele) von einem gigantischen Instrument: Kanone ist es, auch Teleskop und Scheinwerfer. Sein Lichtkegel, der auf die Decke des Auditoriums geworfen wird, kündet den Erlöser an. Mit diesem Ding schießt Salome ein Loch in den Horizont, in dem Projektionen ihrer Schwestern sichtbar werden, die herauszuhüpfen scheinen und sich als reale Figuren im Tanz der sieben Salomes räkeln. Und mit diesem Ungetüm wird Herodias im Geiste der Tochter den Gemahl abknallen - nachdem sich der dem Familienidyll und einem zärtlichen Kuss verweigert hat.

Die immer heißlaufendere Industrialisierung lässt Herheim mit dem rotierenden Gerät hereinwehen. Aber auch den Dampf weltweiter Schlachtfelder: Herrscher von Barbarossa über Dschingis Khan und Cäsar bis Adolf feiern bei Familie Herodes eine grelle Glitzer-Party. Und als es an die Ermordung des Propheten geht, ziehen die Religionsvertreter von Islam über Judentum bis zum Bischof begeistert in die Zisterne: Dieses Gerede Jochanaans, vor allem ein echter Messias, all stört das weltliche Treiben der Geistlichkeit doch empfindlich.

Im Herheim-Welttheater-Wust wird die (falsch verstandene) Liebe dennoch zum zentralen Thema. Während sich alle zu Salomes „Jochanaan“-Ruf geil am Boden winden, hat der Prophet beide Hände voll zu tun, die eigene Männlichkeit - vergeblich - niederzuhalten. Alle sind sie verwandt, diese drei Herren in ihrem Absolutheitsanspruch, wie Herheim zeigt: Jochanaan, Herodes und Narraboth, mit Bart, Langhaar und Dinnerjacket, könnten verschiedene Altersstufen derselben Person sein. Und Liebe ist nicht nur bei Salome eine Sache tödlicher Besitzlust. Auch der „Page“, der hier eine Frau ist, kost und küsst den gemordeten und endlich wehrlosen Narraboth.

Am Ende steigt Salome in den begehbaren Riesenkopf Jochanaans und findet dort die letzte Erfüllung: Mehr als einmal treibt Herheims Bildfindungssucht ihn in solchen Momenten übers Ziel hinaus. Logik? Stringenz? Das sind ohnehin Dimensionen, die ihn weniger interessieren. Kein Missionar, der Ideen aufdrängt, ist dieser Regisseur, sondern ein sinnlicher Überrumpler, der gern naiv und plakativ die Facetten des Stücks vergrößert und vergröbert - Oper gibt’s bei Herheim nicht unter Theater total.

Ein Problem ist, dass dieses Konzept von der Salzburger B-Besetzung nicht annähernd erfüllt wird. Emily Magee hat zwar alle Salome-Hochtöne unforciert parat. Doch der Rest wird brav bis unbeteiligt abgerufen, in der Tiefe auch nur angedeutet - von Charaktergestaltung kaum eine Spur. Neben dem blässlichen Stig Andersen (Herodes), der effektvoll klirrenden Hanna Schwarz (Herodias), dem zwar raum-, jedoch weniger formatfüllenden Iain Paterson (Jochanaan) hält man sich also an so formidable Nebenrollensänger wie Pavol Breslik (Narraboth), Rinat Shaham (Page) oder Oliver Zwarg (Soldat).

Umso selbstbewusster und phonstark ist das, was aus dem Graben dringt. Simon Rattle, entschlossen zur ultimativen „Salome“, kramt in der Partitur hingebungsvoll nach fast jeder Instrumental-Zutat und streckt sie dem Hörer begeistert entgegen. Heftige, bis zum Geräuschhaften profilierte Detailarbeit ist da von den brillanten Berliner Philharmonikern zu vernehmen, noch nie so gehörte Mixturen, ein roh stampfender Salome-Tanz, aber auch eine betörend irisierende Kammermusik und, ganz werkgemäß, klangliche Orgien und Orgasmen. Als Versöhnungsangebot zu wenig: Nicht nur Herheim, auch Rattle, künstlerischer Chef des Festivals, wurde abgestraft. Nach Finanzskandal und Regie-Kulinarik will man sich in Salzburg offenbar neu erfinden - und provozierte die erste, andernorts längst übliche Bravo-Buh-Schlacht: Hallo Osterfestspiele, willkommen in der Gegenwart.

Markus Thiel

Nächste Vorstellung 25. April (ausverkauft).

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
Rupert Grint über die Gangsterserie „Snatch“ und sein Entkommen aus der Gefangenschaft des „Harry Potter“-Universums.
„Als Verbrecher wäre ich ein Versager“
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Eine bessere Sängerbesetzung für diesen neuen „Tannhäuser“ an der Bayerischen Staatsoper lässt sich nicht finden - wohl aber ein besserer Regisseur. Die rituellen Bilder …
„Tannhäuser“ in München: Zeit der Künstlichkeit
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
Franz Ferdinand, Feist und Judith Holofernes sind nur drei Acts, die beim diesjährigen „Summer‘s Tale“ auftreten. Unter Musik-Kennern längst bekannt, ist das Festival …
Weltstars inmitten der Natur - Dieses Festival ist eine Reise wert
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie
Das BR-Symphonieorchester unter Mariss Jansons reiste von München nach Hamburg und gab sein Debüt in der Elbphilharmonie. Wir haben dieses besondere Gastspiel begleitet. 
BR-Symphoniker erproben die Elbphilharmonie

Kommentare