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Der Schauspieler Stefan Hunstein (58) vorm Haus der Kunst beim ­tz-Interview. Zu seinen vielen Interessen zählt die deutsche Geschichte.

Schauspiel-Star im Interview 

Hunstein widmet sich den "Tischgesprächen" Hitlers

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München - Am Donnerstag liest Schauspieler Stefan Hunstein aus Hitlers Tischgesprächen – also dessen Monologen im kleinen Kreis, die akribisch mitgeschrieben wurden. Wir trafen den Kammerspiele-Akteur passenderweise am Haus der Kunst.

Stefan Hunstein (58) ist preisgekrönter Fotograf, einer der besten Schauspieler der Republik und noch dazu höchst vielseitig interessiert – nicht zuletzt an der deutschen Geschichte und der ewigen (unlösbaren) Frage, wie Hitler möglich war in all seinen Konsequenzen. Am Donnerstag liest Hunstein aus Hitlers Tischgesprächen – also dessen Monologen im kleinen Kreis, die akribisch mitgeschrieben wurden. Sie geben ganz andere Einblicke in die Persönlichkeit des Massenmörders als historische Abhandlungen. Wir trafen den Kammerspiele-Akteur passenderweise am Haus der Kunst, dem ehemaligen Haus der Deutschen Kunst, das 1933 bis 1937 unter Hitler erbaut wurde.

Herr Hunstein, haben Sie nicht Angst, Hitler durch Ihre „Tischgespräche“-Lesungen sympathischer zu machen?

Stefan Hunstein: Auf diese Idee bin ich nie gekommen. Ich sehe die Tischgespräche als Gelegenheit, dem Monströsen aus einer sprachlichen Perspektive näherzukommen.

Nämlich?

Hunstein: Von Hitler gibt es fast nur inszenierte Bilder, die durch die PR-Firma seines Leibfotografen Heinrich Hoffmann gegangen sind. Alle Bilder, die wir von Hitler kennen, haben eine bestimmte Absicht, wie der Führer dargestellt werden sollte. Doch mich interessiert die Person jenseits dieser Bilder, und dafür sind die Tischgespräche wichtig.

Wie funktionierten die?

Hunstein: Sie wurden zwischen 1941 und 1944 aufgezeichnet. Hitler versammelte bis zu viermal täglich seine greifbare Umgebung und monologisierte über die Welt – nach Goethe’scher Manier, wenn Sie so wollen. Dabei reihte er die Themen wahllos aneinander. Von seinen Ideen zur Schöpfung über Wagners Musik, vom Schäferhund bis zum Verständnis der Antike und der Architektur, von der Bienenzucht bis zur Judenhetze und dem Rassenhass.

Und Militärisches?

Hunstein: Er äußert sich nie über konkrete Pläne. Einmal sagt er: „Ich will Baumeister sein. Feldherr bin ich wider Willen.“ Interessant ist die kleinbürgerliche Rücksichtslosigkeit auch in diesen scheinbar zwanglosen Monologen. Jedes Thema wird, so nannte es Thomas Bernhard einmal, „deutschmöglich“ gemacht. Soll heißen: verkleinert, heruntergebrochen auf Hitlers „Niveau“ – und das mit dem größenwahnsinnigen Gestus eines vermeintlichen Philosophen.

Reizen diese Ergüsse des Gröfaz nicht dazu, sie zu karikieren?

Hunstein: Sie haben einen kabarettistischen Reiz, ja. Aber ich will den Zuhörer in ein Wechselbad der Haltungen bringen. Man kommt in die Lesung und hat Bilder von Hitler im Kopf, weiß unterschiedliche Fakten. Aber hier bekommt der Zuhörer ein anderes Bild, ein persönlicheres.

Wie kam es eigentlich zu der Idee, die Tischgespräche dokumentarisch festzuhalten?

Hunstein: Hitlers rechte Hand, Martin Bormann, wollte damit lernen, wie sein Chef zu denken. Um dann im vorauseilendem Gehorsam die Umsetzungen von Hitlers Ideen noch zu beschleunigen.

Hat es Hitler denn nicht gestört, dass alles mitstenografiert wurde?

Hunstein: Nein, das glaube ich nicht. Denn er war ja von seinen Ideen überzeugt – und alle um ihn herum, auch die Millionen auf den Straßen, haben ihn bestätigt.

Wie lesen Sie die Texte?

Hunstein: Nicht kommentierend oder wertend. So persönlich, als wären die Texte von meinem Großvater.

Trauen Sie sich das?

Hunstein: Ja, weil ich mein Publikum zum Denken verführen will, ich möchte die Leute überraschen und nicht bestätigen. Meine Zusammenstellung der Texte aus den Hunderten Seiten Material machen meinen Kommentar ohnehin aus.

Wie klingen die Texte?

Hunstein: Total anders als die großen Reden, die Hitler unter anderem mit Schauspielern einstudiert hatte. In den Tischgesprächen versucht er eine Veränderung der Welt aus dem deutschen Wohnzimmer heraus. Hitler hat sich ja primär als Künstler verstanden, der die Welt kulturell verändern wollte. Diese Intention, sich nicht als Massenmörder oder Feldherr zu sehen, macht alles etwas menschlicher und auch unheimlicher.

Mit Blick auf morgen: Was für Publikum kommt zu Ihren Lesungen?

Hunstein: Bunt gemischt, auch viele Junge. Und das ist wichtig. Ich hätte mir vor Jahren nicht vorstellen können, dass die derzeitige Entwicklung in vielen Teilen der Republik rückläufig ist. Es gibt Teile in der Gesellschaft, die Nazi-Inhalte und deren Sprache verwenden, um gegen Minderheiten vorzugehen. Dagegen muss man etwas tun.

Hunstein vorm Halbfinale

Stefan Hunstein weiß, dass am Donnerstag Deutschland gegen Frankreich im Halbfinale spielt: „Ich verspreche, dass Sie rechtzeitig vor den Fernseher kommen“, sagt er. Los geht’s heute um 19 Uhr im NS-Dokuzentrum (Brienner Straße 34). Eintritt frei, Anmeldung an veranstaltungen.nsdoku@muenchen.de.

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