Der Tod steht ihm gut

- Ein sorgsam gefältelter grüner Samtvorhang trennt auf ironisch altmodische Theatermanier die Zuschauer im Werkraum der Münchner Kammerspiele von der Bühne. Auf ihr verröchelt ­ unsichtbar ­ gerade ein Mensch. Patrick Wengenroth hat "Die Panik ­ Teil V der Heptalogie des Hieronymus Bosch" ("Die sieben Todsünden": Hochmut, Geiz, Völlerei, Zorn, Wollust, Neid, Trägheit) inszeniert ­ durchaus furchtlos dank seines Humors und eines soliden Bühnenhandwerks.

Bei der deutschen Erstaufführung des Stücks von dem Argentinier Rafael Spregelburd (Jahrgang 1970) lässt er sich erst gar nicht ein auf dessen lächerlich hoch gegriffenen Bosch-Bezug; zumal der vom Text selbst gar nicht eingelöst wird. Auch alle sonstigen Assoziations-Girlanden des Autors sind bis auf die altägyptische Geschichte über die (un-)überwindbare Trennung von Lebenden und Toten radikal gekappt worden. So erlebt man eine hübsche, unterhaltsame Bühnen-Petitesse mit reizvollen, skurrilen Schlenkern. Sicher kein Problemstück über die harte argentinische Wirklichkeit und noch viel sicherer kein tiefschürfendes Drama über das Laster der "Acedia", der Trägheit des Herzens oder des Geistes.

Allerdings enthüllen die geschlossenen wie die aufgerissenen Vorhänge (kluges Bühnenbild: Mascha Mazur), die immer wieder "Zimmer" öffnen oder schließen und sogar die ganze Spielfläche ummanteln, einen Alltag aus Egoismus, Sex-Verquälung, Familien-Stunk, Liebessehnsucht und -enttäuschung. Also alles ganz banal: zwischen Telenovela und "wie bei uns daheim". Spregelburd richtet das bisweilen schon recht schrill an. Und Wengenroth, der durch die Vorhänge herausstreicht, hier werde Theater gemacht, schärft das zur Groteske.

Fast alle Schauspieler folgen ihm darin geschickt und kommen dadurch zum Teil zu herrlichen Soli. Eine wahre Freude die beiden ganz Jungen, Tabea Bettin und Lasse Myhr. Ein von der Monster-Mutter neurotisiertes Geschwisterpaar, mal hip\-hop-lässig, mal trotzkopf-nölig. Die verquere, überzogene Körpersprache, die der Regisseur eingefordert hat ­ schließlich gibt‘ s auch eine Tanztheater-Parodie ­, tut Anna Böger und ihrem komischen Talent sehr gut. Das setzt eher vorsichtig René Dumont in diversen Rollen ein. Auch Cristin König muss mehrere von ihnen bewältigen, bleibt jedoch zu sehr bei einer einzigen "Masche" für all ihre Figuren. Das Hauptproblem der Inszenierung ist aber eher, dass Cornelia Kempers ein Totalausfall als Mutter und Witwe von Emilio ist.

Der, hingeschieden, geistert gelassen durch die Turbulenzen, kapiert nicht recht, dass er schon tot ist. Jochen Noch gibt ihm mit seinem leisen Spiel die Wahrhaftigkeit eines echten Menschen ­ des einzigen auf der Bühne.

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