Der Stein vom Mond

- Mitte des 19. Jahrhunderts passierte der Einschlag. "Da fällt ein Stein vom Mond auf die Erde, und das ist Bruckner." Nur so kann sich Nikolaus Harnoncourt die radikale Klangsprache des braven Anton erklären, am verstörendsten in seiner neunten und unvollendeten Symphonie. Eine Komplettierung des Kolosses? "Alle Ergänzer sind im Vergleich zu seinem Genie nur Würmer." Sprach's und dirigierte im Großen Festspielhaus, von oft launigen Erläuterungen und fehlenden Takten unterbrochen, die Finalfragmente der Neunten.

<P>Ein Kurz-Seminar bei Salzburgs Festival, das ist neu - und mit diesem sympathischen, leidenschaftlichen Kämpfer für die Musik ein großes Erlebnis. Harnoncourt hält Bruckner für den "modernsten Komponisten" des vorletzten Säkulums, im Gegensatz zu vielen Kollegen beweist er das auch. Vor allem im zerrissenen, sperrigen Finale, dessen zerfranste Faktur und harmonische Reibungen von Harnoncourt und Wiens Philharmonikern noch unterstrichen werden.</P><P><BR>Nach der Pause die gewohnten drei Sätze der Neunten, die nun, nach dem Erahnen des zyklopischen Schlusssatzes, eine neue Bedeutung erfahren. Nicht mehr wohlige Weihefeier oder weinerlicher Weltabgesang, sondern bis in die zweite Wiener Schule weisende Tonfälle werden hörbar - zumal Harnoncourt das Klangbild nicht vernebelt, auf Weichzeichner-Effekte verzichtet. In seiner Deutung scheint Bruckners letztes Opus offen dazuliegen, gleichsam schutzlos und entkleidet, seine Brüche und Widersprüche offenbarend - manchmal auch, aber das ist ja Harnoncourt-typisch, um den Preis einer gewissen Überpointierung.</P><P><BR>Vor allem im Kopfsatz, hier durch eine scharfe, schneidende Gestik gekennzeichnet, arbeitet Harnoncourt die Schichten-Überlagerungen der Partitur heraus, auch, wie süffig-melodische Linien immer wieder durch "störende" Gegenbewegungen kommentiert werden. Eine Hör-Überraschung: Trotz der grimmigen Akkordschläge schimmert im Scherzo auf einmal Tänzerisches durch, auch im Adagio, das sich nicht verströmt, sondern von einem atmenden, wiegenden Gestus durchpulst ist.<BR>Was hätte danach für ein Finale kommen können! Doch der Dirigent ist überzeugt: Die fehlenden Partiturseiten sind nicht vernichtet, sondern schlummern unentdeckt in Privat-Archiven: "Vielleicht haben Sie solche Blätter zu Hause." Dann bitte bei Harnoncourt melden, dringendst.</P>

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