Steinbrück: Der Kandidat der Verlage

Die SPD diskutiert mit wachsender Hektik, wer Angela Merkel 2013 als Kanzlerkandidat herausfordern soll. Ginge es nach dem Buchmarkt, wäre das Rennen längst entschieden: Gleich drei Biografien beschäftigen sich mit dem Phänomen Peer Steinbrück.

Die Geschichte ist einfach zu gut. Da sitzt im Bundestag ein Abgeordneter, der seiner Partei mehrfach erklärt hat, wie wenig er von ihr hält. Er kann überhaupt ziemlich harsch und herablassend sein. Er hat kein Parteiamt inne, ein Fraktionsamt schon gar nicht. Ja, wenn man ehrlich ist, hört man im Parlament nicht allzu viel von ihm. Früher war er für kurze Zeit mal Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, um mit dem schlechtesten SPD-Ergebnis in der Geschichte des Landes abgewählt zu werden. Später arbeitete er als Finanzminister im Bund, bis – man ahnt es – die SPD mit dem schlechtesten Ergebnis der Geschichte in die Opposition geschickt wurde. Völlig klar: So ein Mann muss Kanzlerkandidat werden.

Nüchtern betrachtet ist die Karriere des Peer Steinbrück eine der kuriosesten Politgeschichten der vergangenen Jahre. Vielleicht liegt es daran, dass der Kanzlerkandidatenkandidat – wohlgemerkt einer von dreien in der SPD – schon jetzt die Fantasie des deutschen Buchmarktes beflügelt. Zum Vergleich: Vom linken Überzeugungstäter Sigmar Gabriel gibt es nur sein zehn Jahre altes Buch „Mehr Politik wagen“, das bei Amazon auf Verkaufsplatz 708 152 rangiert. Und über den ebenso seriösen wie farblosen Frank-Walter Steinmeier wurden schon 2009 einige Bücher geschrieben. Das muss offenbar genügen – dabei wäre da ja noch die beeindruckende Geschichte der Organspende für seine Frau zu erzählen.

Steinbrück ist also der Favorit am Buchmarkt. Gut für den Leser, denn die Lebensgeschichte des im zerstörten Nachkriegs-Hamburg geborenen Politikers ist so widersprüchlich wie sein aktueller politischer Status. Der Leser erfährt, wie schlecht Steinbrück, der heute gerne andere belehrt, in der Schule war: Peer bleibt sitzen, wechselt zwei Mal die Lehranstalt und beschreibt sich rückblickend als „echten Kotzbrocken“. Als Student der Volkswirtschaft ist Steinbrück kein echter Linker, auch wenn er 1969 in die SPD eintritt: Er geht zur Bundeswehr, wird später sogar Reserveoffizier. Dennoch bekommt seine Kieler Wohngemeinschaft Besuch vom Staatsschutz – angeblich sollen in der WG früher Helfer eines RAF-Banküberfalls gewohnt haben. Steinbrück wird nur als Zeuge gehört.

Nach seiner Diplomarbeit zieht Steinbrück 1974 in Bonn mit seiner Freundin Gertrud Isbary zusammen – mit ihr ist er bis heute verheiratet und hat drei inzwischen erwachsene Kinder. Zunächst arbeitet er als Assistent an der Universität, aber im überschaubaren Bonn kommt er natürlich auch mit der Politik in Kontakt: Er soll im Bauministerium anfangen – doch wegen der Razzia zu Studentenzeiten stuft ihn der Verfassungsschutz als Sicherheitsrisiko ein. Während Gertrud das erste Kind erwartet, stürzt der arbeitslose Steinbrück in eine Lebenskrise.

Um diese der breiten Öffentlichkeit bislang kaum bekannten Geschichten kommen Biografen natürlich nicht herum, weshalb sich die drei Bücher durchaus ähneln. Alle sind sie akribisch recherchiert, manchmal geht es sogar ein wenig zu sehr ins Detail. Interessant bleiben sie trotzdem. Denn Steinbrück gelangt doch in die Ministerialbürokratie. Es ist ein wilder Ritt über verschiedenste Stationen: Schon mit 31 arbeitet der Volkswirtschaftler im Kanzleramt – unter seinem heutigen Fürsprecher Helmut Schmidt. Er verlebt kurze, intensive Monate in Ostberlin, wo er in der Ständigen Vertretung tätig ist. Er steigt zum Büroleiter des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau auf und wechselt 1993 als Minister nach Schleswig-Holstein. Fünf Jahre später kehrt er nach NRW zurück, wo er 2002 Ministerpräsident wird. Ab 2005 ist er Finanzminister der Großen Koalition unter Angela Merkel.

Auffällig: Steinbrück arbeitet nur für Regierungen, nie für Oppositionen. Geht die Wahl verloren, wechselt er. Auch nach der Niederlage 2009 bevorzugt er das Leben als einfacher Abgeordneter.

Es sind nicht die schlechtesten Journalisten, die diese Stationen recherchiert haben: Daniel Friedrich Sturm ist Politredakteur bei der „Welt“. Daniel Goffart leitet die Hauptstadt-Redaktion beim Nachrichtenmagazin „Focus“, Eckart Lohse und Markus Wehner arbeiten als Korrespondenten bei der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und haben bereits mit ihrer Biografie über Karl-Theodor zu Guttenberg auf sich aufmerksam gemacht.

In ihrem Urteil variieren sie jedoch. Goffart ist offensichtlich am meisten von Steinbrück beeindruckt: „Vielschichtig und faszinierend“ findet er ihn, „intellektuell brillant“. Steinbrück „kann Kanzler, kein Zweifel“ – wenn man ihn lässt. Auch die anderen Buchautoren sind fasziniert, aber auch distanzierter. „Steinbrücks Programm heißt vor allem Steinbrück“, bilanziert Sturm, den auch die „autoritäre Attitüde“ stört.

Hier ist ein Politiker, der sich als Antipolitiker geriert. Ein 65-Jähriger, der Elder Statesman und Hoffnungsträger zugleich sein will. Ein Mann der Exekutive, der als Regierungsmitglied keineswegs nur Erfolge aufzuweisen hat. Ein Mann, der „klare Kante“ zeigt – und damit der Gegenentwurf zu Merkel ist, die Überzeugungen wechselt und Entscheidungen selten erklärt.

Lohse und Wehner bringen es auf den Punkt: Steinbrück ist vor allem eine „Projektionsfläche“ für die Wünsche der Bürger nach einem charismatischen Staatsmann. Ob Steinbrück diese Wünsche erfüllen würde? Nach Lektüre der drei Bücher sind Zweifel erlaubt.

Mike Schier

Die Bücher

Daniel Friedrich Sturm: „Peer Steinbrück“. dtv, München, 300 Seiten; 14,90 Euro.

Eckart Lohse und Markus Wehner: „Steinbrück“. Droemer, München, 364 Seiten; 19,99 Euro.

Daniel Goffart: „Steinbrück – Die Biografie“. Heyne, München, 336 Seiten; 19,99 Euro.

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