Steinerne Zeugen sprechen

- Das geplante NS-Dokumentationszentrum für München bleibt im Gespräch. Ein Lockerlassen wird es nicht geben. Stadträte aller Fraktionen haken immer wieder nach. Jetzt gerade hat die Rathaus-SPD Kultusministerin Monika Hohlmeier aufgefordert, noch vor der Sommerpause einen Vorschlag zum Standort des Zentrums zu machen. Es hat sich eine parteiübergreifende Mehrheit gebildet, die das Grundstück des ehemaligen "Braunen Hauses" als beste Möglichkeit betrachtet. Engagierte Persönlichkeiten und Gruppen wie "Gegen Vergessen - Für Demokratie", die sich zum Initiativkreis NS-Dokumentationszentrum zusammengetan haben, arbeiten gleichfalls konsequent weiter. Zum Beispiel wird für den 18. und 19. Juni im Stadtmuseum die Tagung "Macht und Gesellschaft - Männer und Frauen in der NS-Zeit" angeboten.

<P>Einer der kompetentesten Befürworter eines Dokumentationszentrums ist Winfried Nerdinger, TU-Professor und Direktor des Architekturmuseums (Schauräume in der Pinakothek der Moderne). </P><P>Warum macht sich ein Architektur-Professor und Museumschef ganz persönlich stark für ein NS-Dokumentationszentrum?<BR>Nerdinger: Es ist auch ein persönliches Engagement. Ich komme aus einer Familie, die betroffen war. Mein Vater war im Widerstand und wurde verfolgt. Ich kenne seit meiner Kindheit die Auseinandersetzung mit dieser Zeit. Ich empfand es als schlimme Verdrängung, dass es hier in München im öffentlichen Raum keinen Hinweis auf das NS-Regime und die Rolle der Stadt gab. Als Architekturhistoriker ist es im Übrigen meine Aufgabe, Bauten zum Sprechen zu bringen, die Geschichte aus den steinernen Zeugen herauszuholen. Als Hochschullehrer muss ich die Zeit anhand der Architektur der nächsten Generation vermitteln. In München können die Schüler, die Bürger nirgends hingehen, um zu lernen, warum diese Bewegung hier so groß geworden ist. </P><P>Es gibt die KZ-Gedenkstätte Dachau und seit einem Jahr die "Hauptstadt der Bewegung"-Abteilung im Stadtmuseum.<BR>Nerdinger: Dachau ist der Ort der Opfer, dort gedenkt man ihrer. München ist aber der Ort, an dem viele Täter agierten. Und mit den Tätern muss man sich ganz anders auseinander setzen. Man muss kritisch reflektieren: Wie konnte es dazu kommen? Die beiden Seiten sollten sich ergänzen. Im Stadtmuseum wird die städtische Geschichte behandelt. Es hat eine andere Aufgabe. Es ist einfach nicht der richtige Ort: Neben vielen Ausstellungen und Abteilungen wird eben auf knappem Raum auch auf die NS-Zeit hingewiesen. Das wird der Dimension nicht gerecht. München hat eine andere Verantwortung. Es ist auch für die Didaktik wichtig. Am authentischen Ort lässt sich die Geschichte besser vermitteln. Jetzt sterben nach und nach die Menschen, die noch von der Zeit erzählen könnten, die Orte aber bleiben uns erhalten.</P><P>Der Ort mit seiner Aura ist Ihnen sehr wichtig.<BR>Nerdinger: Der Mensch ist ortsbezogen; unser Gedächtnis funktioniert so, wir können nur raumbezogen denken. Geht man an einen authentischen Ort, wird die Auseinandersetzung intensiver. Deswegen plädiere ich dafür, das Zentrum da zu bauen, wo sich die NS-Geschichte bündelte: am Königsplatz. Auf einen Blick sieht man den ehemaligen "Führerbau", die Partei-Verwaltung, die Reste der "Ehrentempel" . . .</P><P>Wie schätzen Sie den aktuellen Stand der Debatte ein _ was Hohlmeier und Ude betrifft?<BR>Nerdinger: Nach langem Abstand haben sie sich zum zweiten Mal getroffen und auf die Gremien geeinigt. Aber die Probleme Standort und Konzept wurden ausgeklammert. Ich weiß nicht, was da für Pokerspiele passieren. Von der Stadt gibt es den Beschluss für das NS-Dokumentationszentrum. Das Pikante ist allerdings, dass nur der Staat am Königsplatz Grundstücke hat. Es ist eine Frage des politischen Willens, ob man zu einem Ergebnis kommt.</P><P>Zwischenlösung akzeptabel</P><P>Sie haben eine klare Meinung zum Konzept. Da gab es Ärger.<BR>Nerdinger: Auch Wissenschaftler können unterschiedliche Vorstellungen haben. Drei Konzepte sind zurzeit im Umlauf. Der Freistaat hat das Institut für Zeitgeschichte beauftragt. Man entwickelte einen "Wanderweg" durch die Stadt zu den Geschichtsorten. Bei der von der Stadt eingesetzten Gruppe bildeten sich zwei Konzepte heraus. Die einen wollten eine Art "Haus der Geschichte des Nationalsozialismus". Meiner Ansicht nach, hat das aber zu wenig mit München zu tun. Dann wäre die Vorgeschichte, die Verflechtungen der Nazis mit vielen Gruppierungen kaum aufgearbeitet worden.</P><P>Das heißt, die Dokumentation müsste mit dem Ersten Weltkrieg einsetzen und über 1945 hinausreichen?<BR>Nerdinger: Ja. Man muss eben auch erforschen, wie nach dem Krieg mit der NS-Zeit umgegangen wurde, oder den aktuellen Antisemitismus . . . Das Zentrum soll kein totes Museum sein, sondern etwas Prozessuales. </P><P>Stadt und Land haben Geldprobleme. Gäbe es für Sie einen Kompromiss? <BR>Nerdinger: Ja, klar. Es ist zwar schon sprichwörtlich, dass nichts länger hält als ein Provisorium, aber warum sollte nicht jetzt etwas ganz Einfaches entstehen. Ich habe nie daran gedacht, dass ein Riesenbau geplant werden soll. Man sieht bei der "Topografie des Terrors", dass Berlin am eigenen Anspruch gescheitert ist. Natürlich wäre ein Architektenwettbewerb schön. Eine Zwischenlösung ist aber akzeptabel - Hauptsache es kommt Bewegung in die Angelegenheit.</P><P>Es wird wieder eine Tagung geben, diesmal zu Macht und Gesellschaft in der NS-Zeit. Was erwarten Sie sich davon?<BR>Nerdinger: "Männer und Frauen in der NS-Zeit" _ das ist ein spannendes Thema und ein bis heute vernachlässigtes. All diese Aktivitäten sind Bausteine zu dem Münchner NS-Dokumentationszentrum. Aus ihnen wird sich die Konzeption entwickeln.</P><P>Das Gespräch führte Simone Dattenberger<BR></P>

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