Der steinige Weg zur Sicherheit

- Natascha Wodin wurde als Tochter verschleppter russischer Zwangsarbeiter in Fürth geboren. Mohammed Aref stammt aus dem Iran und floh mit 25 Jahren nach Deutschland. Jefferson S. Chase kam in Springfield, USA, zur Welt, studierte in Tübingen und erkor Berlin zur Wahlheimat. Heute widmen sie sich der Schriftstellerei. Ihre Werke weisen auf den ersten Blick ebenso wenig Gemeinsamkeiten auf wie ihre Biografien - bis auf die eine, dass sie nicht in der Sprache ihrer Eltern schreiben, sondern auf Deutsch.

<P>Für Klett-Cotta Grund genug, ihre Erzählungen gemeinsam mit denen sieben weiterer "deutscher Einwanderer" in dem Band "Feuer, Lebenslust!" zusammenzufassen. Herausgekommen ist eine Anthologie, die vor allem eines beweist: Die Literatur deutscher Schriftsteller ausländischer Herkunft lässt sich ebenso wenig über einen Kamm scheren wie "die Ausländer" in Deutschland insgesamt. So kann man durchaus in Frage stellen, warum man zehn Erzählungen überhaupt in einem Buch bündelt und so in eine Nische drängen muss, nur weil die Wurzeln der Autoren allesamt nicht im Bundesgebiet liegen.<BR><BR>Zehn Erzählungen<BR><BR>Immerhin ist es ein Verdienst der Sammlung aufzuzeigen, dass literarischer Ausdruck außerhalb der Muttersprache gelingen kann und die hiesige Szene um neue Perspektiven bereichert. Und das Projekt "Feuer, Lebenslust!" bietet einer ganzen Reihe talentierter junger Autoren eine Plattform, sich mit kurzen Proben ihres Könnens zu empfehlen. Bei genauerem Hinsehen kristallisiert sich sogar eine, wenn auch lose, Verbindung zwischen den Erzählungen heraus. Die besteht allerdings nicht unbedingt in "Feuer" und "Lebenslust", wie sie im Titel klischeehaft angesprochen werden. Doch vielen Geschichten liegt die gemeinsame Erfahrung zugrunde, sich fremd zu fühlen, zu meinen, nicht dazuzugehören.<BR><BR>In Inhalt, Erzählton, Stil - und auch Qualität - verarbeiten die zehn Autoren dieses Thema auf höchst unterschiedliche Weise. Auf das Gefühlsspektrum des Menschen in geographisch fremder Umgebung lassen sie sich dabei nicht reduzieren. Das Uneinssein mit der Umwelt schildert etwa Selim Özdogan in "Freuden der Jugend" sensibel als Leid der Pubertät. Unbeschwert humorig wird es dagegen, wenn Radek Knapp pointiert von der Wahl zur "Miss Polonia 2002" in Wien berichtet - einer peinlichen Veranstaltung, auf der sich der Ich-Erzähler fehl am Platze vorkommen muss. </P><P>Zerstörte Geborgenheit</P><P>Am eindringlichsten schildert Natascha Wodin das Fremdsein. In "Das Singen der Fische" geht es um eine Frau, die über einen steinigen Weg in der Sicherheit einer deutschen Realität angekommen zu sein glaubt - bis auf einer Urlaubsreise nach Sri Lanka die Konfrontation mit einer verstörenden Gegenwelt ihre Geborgenheit zerstört. Wodin erzählt das in einer Intensität, die bewusst macht, wie viel manch jüngerer in der Anthologie vertretene Autor noch zu lernen hat.</P><P>"Feuer, Lebenslust! Erzählungen deutscher Einwanderer." <BR>Klett-Cotta Verlag, Stuttgart. <BR>259 Seiten, 12,50 Euro.</P><P> </P>

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