Der Stellenwert der Sprache: Aus deutschem Mischwald

Hoher Besuch an der Dachauer Straße in München: Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach in der Zentrale des Goethe-Instituts über Kultur- und Bildungspolitik.

Tatsächlich: In der 57-jährigen Geschichte des Goethe-Instituts ist es das erste Mal, dass ihm ein Bundeskanzler einen Besuch abstattet. Umso höher ist einzuschätzen, dass gestern Angela Merkel den Goethes und ihrem Präsidenten Klaus-Peter Lehmann in München ihre Aufwartung machte.

Ziel und Zweck: Dem Goethe-Institut nicht nur nach außen, über die Grenzen des Landes hinweg, Geltung verschaffen, sondern auch nach innen. Die Leistungen der Exporteure deutscher Kultur immer wieder und verstärkt ins Bewusstsein der deutschen Bevölkerung zu rücken und die Notwendigkeit der Kulturarbeit im Ausland für das gesellschaftliche Zusammenleben zu unterstreichen und unterstützen, dazu bedarf es natürlich eines politischen Willens.

Und Kanzlerin Merkel macht diesen Willen deutlich. "Der Wirkungskreis von Kunst und Kultur", sagt sie, sei weit über dem Wirkungskreis anderer Bereiche anzusiedeln. Kultur sei, Richard von Weizsäcker zitierend, wie ein deutscher Mischwald, in dem wir uns heimisch fühlen und der uns die Luft zum Atmen gebe. Kultur als "die Seele unseres Landes" eine Formulierung, die aus Merkels Mund Glaubwürdigkeit besitzt. Ebenso ihre souveräne Antwort auf die Frage, wie denn das Goethe-Institut angesichts des russisch-georgischen Konflikts Einfluss nehmen könne. Insbesondere unter diesem Aspekt, so die Kanzlerin, sei ein verstärkter Kulturaustausch mit Russland wünschenswert.

Eine neue Ära hat für das Goethe-Institut begonnen. Statt radikaler Einsparungen wird wieder aufgestockt: Knapp acht Prozent sollen es 2009 mehr sein, womit die 700-Millionen-Euro-Marke überschritten würde. Statt elitärer Abgrenzung ein Sich-miteinander-Vernetzen. Merkel: "Wir sind daran interessiert, dass das Bild von uns im Ausland ein modernes, vielfältiges ist. Und natürlich wollen wir die Werte, nach denen wir leben Demokratie, Menschenrechte, Individualismus auch im Ausland vermitteln, weil wir glauben, dass sie nicht typisch deutsch sind, sondern Allgemeingut."

Der Dialog mit und das Verständnis für andere Kulturen sei aktuell wie nie zuvor: "Denn in dem Maße, wie sich die Welt vernetzt, ist das Kennen anderer Kulturen von besonderer Bedeutung." Wenn auch, so Merkel, heute Informationen jederzeit von jedermann und überall abrufbar seien, bedeute dies aber noch lange nicht, "auch das Wissen zu haben".

In diesem Zusammenhang fällt ihr bemerkenswertester Satz an diesem Vormittag: Der größte Gegner im Verhältnis der Völker untereinander sei das Unwissen. "Wir müssen bei uns aufpassen, dass das historische und kulturelle Wissen nicht nur zunehmend einer kleinen Gruppe überlassen bleibt."

Das genau ist der Punkt, an dem nachzuhaken wäre: Was bleibt dem Goethe-Institut zu tun, wenn Kultusminister Siegfried Schneider und Kollegen gerade diese Schulfächer auf ein Maß herunterschrauben, dass die Dummheit programmiert ist. Vielleicht wäre es da doch angebracht, sich für Goethe-Institute auch im Inland einzusetzen, wie Merkel ironisch bemerkt, als die Rede kommt auf den geringen Stellenwert der deutschen Sprache in Deutschland.

Das Goethe-Institut sollte Einfluss auf die Wirtschaft nehmen, für manch englische Begriffe ein deutsches Wort zu finden. "Wenn die Ausländer bei uns eines Tages den Eindruck haben, sie seien in einem halben Englischkurs, dann bleiben die irgendwann weg." Drei Fragen stellt die Kanzlerin der auswärtigen Kulturpolitik: Erstens, ob es nicht ein Leitprinzip sein könnte, "etwas von unserem Bild vom Menschen im Ausland deutlich zu machen". Zweitens: Was kann das Goethe-Institut leisten, "damit wir im Wettbewerb um die besten Köpfe in der Welt bestehen, um langfristig unseren Wohlstand zu sichern"? Drittens: "Was bedeutet der Aufstieg neuer Wachstumsregionen für die regionale Kulturarbeit?" Also sei es dringend geboten, Netzwerke zu erstellen und präsent zu sein in der Golfregion, im Mittleren, Nahen und Fernen Osten.

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