Wie stellt man Erotik her?

- "Ich küss' mich durch die Generationen", lacht Brigitte Hobmeier. Dabei ist die Lulu, über die sie hier spricht und die sie vom 9. November an im Münchner Volkstheater spielt, eine durchaus ernste Angelegenheit. Das einstige Skandaldrama Frank Wedekinds um die Männer verschleißende junge Frau, die am Ende in Londons Gosse Jack the Ripper zum Opfer fällt, inszeniert Christian Stückl - mit seinem Star Hobmeier in der Titelrolle.

<P>Dass die Ismaningerin zum Ende der laufenden Saison das Volkstheater verlässt, ist schmerzlich, aber aus Sicht der 28 Jahre jungen Schauspielerin verständlich. Das muss auch der Intendant akzeptieren. Jedenfalls arbeiten sie jetzt erst einmal noch auf ein gemeinsames Ziel hin: auf die Premiere am kommenden Dienstag.</P><P>Sie sind das dritte Jahr am Münchner Volkstheater. Was hat sich in dieser Zeit für Sie geändert?</P><P>Hobmeier: "Lulu" ist nach der "Geierwally" erst meine zweite Arbeit mit Christian Stückl. Und es ist schön. Wir haben uns inzwischen kennen gelernt. Wir wissen viel voneinander. Die Kommunikation ist besser, direkter, manchmal auch brutaler. Aber doch immer mit großem Respekt voreinander.</P><P>Sind Sie heute mutiger als vor drei Jahren?</P><P>Hobmeier: Nein, denn ich habe nicht mehr den Hinterhalt, dass mich keiner kennt.</P><P>Vielleicht selbstbewusster?</P><P>Hobmeier: Wenn ich merke, dass ich selbstbewusst werde, tue ich alles dagegen. Denn die Unsicherheit gehört zu meinem Beruf. Aus Sicht des Zuschauers mag ich keine selbstsicheren Schauspieler. Was sich, glaube ich, gegenüber 2002 für mich geändert hat: Ich kann jetzt mehr genießen auf der Bühne. Wir müssen nicht mehr so kämpferisch sein. Bei den Proben jetzt merke ich zum Beispiel: Dieses Kämpfen verträgt die Lulu gar nicht. Sie ist viel mehr eine Spielerin.</P><P>Waren für Ihre Entscheidung, Schauspielerin zu werden, bestimmte Rollen ausschlaggebend? Vielleicht sogar die Lulu?</P><P>Hobmeier: Ich bin nicht wegen bestimmter Rollen, sondern eher wegen einzelner Schauspieler zum Theater gegangen. Wegen Sunnyi Melles zum Beispiel, die ich als Gretchen in Dorns "Faust"-Inszenierung gesehen habe. Da sind wir mit der Schule hin. Es war einfach unglaublich, wie mich das begeistert hat. Überhaupt die ganze Zeit an den Kammerspielen. Boysen, Holtzmann, Stein . . . ich wusste damals ja nichts von ihrer Bedeutung, aber ich wusste, wie sehr sie mich beeindruckt haben. Genauso ging es mir mit Juliane Köhler als "Kunstseidenes Mädchen". Geblieben ist mir bis heute das Gefühl für diese Aufführungen, für einzelne Momente wie etwa das Strahlen der Köhler.</P><P>Nach Geierwally, Tonka in "Nieder Bayern", Viola in "Was ihr wollt", Lämmchen in "Kleiner Mann, was nun?" jetzt die Lulu. Alles starke Frauen . . .</P><P>Hobmeier: Ich weiß noch gar nicht sicher, was Lulu für ein Mensch ist. Ich weiß nur, ich muss den Respekt vor dieser Figur zerschlagen, damit ich sie spielen kann. Lulu ist keine Helena, keine Göttin. Sie ist ein Mädchen, ist eine Frau, sie ist etwas Reales, das es wirklich gibt. In manchen Szenen überlege ich: Wie würde ich reagieren? Aha so, also kommt für Lulu genau das Gegenteil in Frage.</P><P>Lulu gilt noch heute als Inbegriff der Erotik . . .</P><P>Hobmeier: Ach, ich finde dieses Thema so schwierig. Wie stellt man Erotik auf der Bühne dar? Wie will ich sie darstellen? Wenn ich abends nach Hause komme, nach der Probe oder einer Vorstellung, dann sehe ich manchmal im Fernsehen diese Frauen, die sich anbieten. Sind die sexy? Sind sie Lulus? Was zeichnet Lulus Sexualität, was ihre Erotik aus? Bei Marilyn Monroe habe ich das Gefühl, der ist immer zu heiß. Bei Lulu bin ich noch auf der Suche . . . Aber ich glaube ja, sie liebt alle ihre Männer. Die Frage ist, wie viele diese Frau lieben kann. Und nicht, mit wie vielen Männern sie Sex haben kann. Das finde ich unspannend.</P><P>Sie haben Ihr Engagement am Volkstheater gekündigt, ohne dass Sie schon etwas Neues hätten. . . </P><P>Hobmeier (lachend): Meine Eltern haben schon gesagt: Brauchst nicht wieder anzukommen. Nicht dass ich etwa, wo uns demnächst Hartz IV droht, in der Wäscherei meiner Mutter wieder mal die Hemden bügeln muss!</P><P>Ihr Freund lebt in Berlin, er ist Statistiker, er hat Sie noch nie auf der Bühne gesehen. Warum diese Verweigerung?</P><P>Hobmeier: Wir halten unsere Beziehung frei davon. Wir gehen ja zusammen ins Theater, sprechen darüber, diskutieren über Rollen, im Moment natürlich über Lulu. Aber ich will nicht, dass er mich auf der Bühne sieht. Ich will nicht den Stress, ihn quasi mit hineinnehmen zu müssen in meine Rolle. Ich will nicht immer mitdenken müssen, ob's ihm wohl gefällt. Ich will nicht, dass er mich beurteilt. Ich kenne mich mit seiner Arbeit nicht aus, also braucht er sich auch nicht mit meiner auszukennen. Es reicht schon, wenn meine Eltern alles sehen. Denn: Sich eine Rolle anzueignen, ist ein total verrückter Zustand. Jetzt stecke ich so tief in der Lulu drin. Ich denke immer zuerst an sie, dann erst an mich. Die Realität ist mir fremder als meine Fiktion. Im Moment.</P><P>Das Gespräch führte Sabine Dultz</P>

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