Stellvertreter einer ganzen Epoche

- "Die Stücke sind nicht nur materialisierte Geldscheine, sondern Stellvertreter für eine ganze Epoche, Kunstwerke, die zu ihrer Zeit eine Entwicklung einleiteten." Dieses Plädoyer gehört Hans Ottomeyer, Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums Berlin. Es steht am Ende eines Rundgangs über die Kunst-Messe München, vorbei an 115 Händlern aus Deutschland und Europa mit Ständen auf 11 000 Quadratmetern, und bezieht sich auf die Exponate, welche jenseits von Moden "Museumsrang" besitzen.

Das teuerste Stück stammt von Max Beckmann

Es sind nicht wenige: Zum 50-jährigen Bestehen der Kunst-Messe gibt es wieder Altes, Edles, Kurioses, Rares und vor allem auch Teures zu sehen. Das kostspieligste Stück ist Max Beckmanns "Monte Carlo von Autocar bei Nacht, 1942 Lilly", das in der Galerie Schwarzer/ Westenhoff (Düsseldorf/ Hamburg) zu 1,8 Millionen Euro angeboten wird. Das Bild, 1941 gemalt und '42 überarbeitet, zeigt Beckmanns Freundin Lilly von Schnitzler im aufregend düsteren Vordergrund vor der leuchtenden Promenade einer türkisen Bucht.

Überhaupt geizt das Gebiet "Kunst auf Papier" nicht mit großen Namen und hohen Preisen: Vielfach sind die Werke Gabriele Münters vertreten, am eindrucksvollsten in der "Ansicht von Murnau" von 1911, der Vorstudie zum Gemälde im Lenbachhaus (Salis & Vertes, Salzburg). Wer dort seinen Marc-Durst nicht gestillt hat, dem bieten die Galerien Thomas (München) und Luzá´n (Bremen) das beeindruckende Aquarell eines liegenden Aktes (1907) sowie die Bleistiftzeichnung "Reh mit Rehkitz" (1910).

Höhepunkt bei Schlichtenmaier (Stuttgart/ Grafenau) sind fünf kleine Ölbilder von Oskar Schlemmer aus den 30ern und 40ern, angeschnittene Köpfe, die ihre Blicke in eine immer düster werdende Welt richten. Während das Nolde-Aquarell "Sonnenblumen" (um 1930) der Galerie Ludorff (Düsseldorf) an frischer Freude kaum übertroffen werden kann. Ein Schritt nur zu den beiden Gerhard-Richter-Großformaten - welche diese und die Münchner Galerie Terminus für 850 000 Euro bzw. 1,15 Millionen präsentieren -, ein anderer führt zu Max Liebermann, Franz von Stuck, August Macke.

So einiges, etwa die Warhols und Lichtensteins der Wiener Galerie Budja, war 1956, als die "1. Deutsche Kunst- und Antiquitätenmesse" mit 51 Ausstellern im Münchner Haus der Kunst stattfand, noch nicht erdacht. Der Händler Johannes Keller hatte bereits 1949 in der Ottostraße einen Kunstblock mit 14 Geschäften errichtet, mit der Idee, durch ein freundschaftlich konkurrierendes Nebeneinander von Künstlern ein größeres Publikum zu erreichen. 1956 übernahm Keller mit Konsul Otto Bernheimer, Präsident des zwei Jahre zuvor gegründeten Bundesverbandes der deutschen Kunst- und Antiquitätenhändler, die Leitung der Messe, die bis heute 684 Händler aus 13 Ländern mitgestalteten. Und eine Galerie als ganz besonderer Wegbegleiter: Scheidwimmer aus München, zum 50. Mal dabei. Sie hat diesmal die stimmungsvolle "Strandlandschaft mit Dünen" von Salomon van Ruisdael in ihrem vielfältigen Angebot.

Bei Möbeln und Kunsthandwerk glänzt die Messe in virtuoser Fülle aus vielen Jahrhunderten: angefangen bei den gebrochenen Leuchtern aus Breslauer Silber (ca. 1670; Matzke), über eine prachtvolle "Pendule à` la Geometrie" aus feuervergoldeter Bronze und Marmor (1790; Albrecht Neuhaus) zur kuriosen Chemnitzer Sammlung zweischneidig aufklappbarer Messer aus verkieseltem Baumfarn (um 1800; Neuse). Meisterhaft ein klassizistischer Tisch aus der Roentgen-Manufaktur mit einem Mechanismus, der ihn in ein Pult mit Schreibplatte und versteckten Schubladen verwandelt (Nolte). Auch der Preis von 475 000 Euro zeigt, wie eng Kunst-Stück und Profit nebeneinander hergehen.

Bis 16. Oktober. Mo.-Mi. 11-22 Uhr, Do.-So. 11-19 Uhr, Neue Messe München, Halle A6. Info: www.kunstmessemuenchen.de. Der Katalog kostet 10 Euro.

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