Am Sterbelager der geliebten Tante

- Mutter und Tochter "hatten keine Sprache miteinander. Nur Wörter". Aglaja Veteranyi legte sich nicht zu ihrer Mutter ins Bett, auch nicht als Kind. Doch ihrer sterbenden Tante folgte sie aufs Wort, als diese ihr befahl: "Komm ins Bett!" Aglaja "schlüpfte unter die Decke und hielt ihr den Kopf hin".

Nichte und Tante - die eine hoffnungsfreudig jung, die andere an der Schwelle zum Jenseits, zwei seltsame Partnerinnen in einem Roman. Dem letzten, den die Ich-Erzählerin veröffentlichte. Schon mit 40 Jahren schied Aglaja Veteranyi, die aus einer rumänischen Zirkusfamilie stammte, freiwillig in Zürich aus dem Leben. Drei Jahre vor dem Selbstmord war ihr Erstlingsroman mit dem stupenden Titel "Warum das Kind in der Polenta kocht" erschienen und kurz nacheinander mit drei Literaturpreisen ausgezeichnet worden.<BR><BR>Aglaja Veteranyis literarischer Nachlass-Schatz ist noch nicht gehoben. Der schmale, nahezu kurzatmige, konzise Band "Das Regal der letzten Atemzüge" macht gespannt auf Weiteres. In dem aufschlussreichen Nachwort von Werner Löcher-Lawrence und Jens Nielsen steht: "Der Tod, oder zumindest die drohende Gefahr des Todes, war schon immer eines ihrer Leitmotive gewesen, nie düster, sondern immer voller Menschlichkeit und in bisweilen schwärzesten Humor getaucht."<BR>Die Heldin dieses Abschiedsromans ist eine gereifte Frau. Sie versucht, sich auf unterschiedliche Weise von dem zu befreien, was sie belastet. Endstationen stehen im Visier der Schreibenden. Das Sterbelager der geliebten Tante, ihr schweres Loslassen unter unwürdigen sozialen Bedingungen regen zu einer Art Reflexion auf das eigene (Ab-) Leben im familiären Umfeld an.<BR><BR>Die Figuren, die einem begegnen, die abstrusen Situationen, das Verhältnis zur Tante - das alles entlässt den Leser ins Nachdenken, stimmt ihn zwar todtraurig, eröffnet ihm aber, hoffentlich, ein Verständnis für die Entwurzelten.

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