Mark Rylance im Jahr 2016 mit seinem Oscar.
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Starker Auftritt: Für sein Spiel in „Bridge of Spies“ gewann Mark Rylance 2016 den Oscar. Es war die erste von bisher drei Zusammenarbeiten mit Steven Spielberg.

Interview: Theater- und Kinostar Mark Rylance über Johnny Depp, Geld und die Lust am Spiel

Steven Spielbergs Goldjunge Mark Rylance: Nun glänzt er in „Waiting for the Barbarians“

  • vonMarco Schmidt
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Hollywood-Regisseur Steven Spielberg engagierte den englischen Bühnenstar Mark Rylance für sein Kinodrama „Bridge of Spies“, wofür Rylance prompt den Oscar gewann. Nun ist der 60-Jährige in der Romanverfilmung „Waiting for the Barbarians“ zu sehen. Auf DVD, Blu-ray und Download.

  • In einer Umfrage der Fachzeitschrift „The Stage“ wurde Mark Rylance 2010 auf Platz drei der besten britischen Theaterdarsteller aller Zeiten gewählt
  • Zugunsten eines Theaterengagements lehnte Rylance 1986 ein lukratives Rollenangebot für Steven Spielbergs Filmepos „Das Reich der Sonne“ ab
  • Doch Spielberg ließ nicht locker: Er engagierte den englischen Bühnenstar für sein Kinodrama „Bridge of Spies“, wofür Rylance prompt den Oscar gewann

Wie fühlt es sich an, wenn man von Steven Spielberg umworben wird?

Irre! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie oft wir früher darüber gewitzelt haben. Wenn wir Schauspieler zusammensaßen und das Telefon klingelte, ging oft jemand ran und sagte: „Es ist für dich, ein Herr Spielberg wünscht dich zu sprechen.“ Das war unser Running Gag. Und dann ruft dieser Herr tatsächlich bei mir in London an und will mit mir über seinen neuen Film reden. Völlig verrückt! Und an meinem ersten Drehtag zu „Bridge of Spies“ fragt mich der Kerl ernsthaft, ob ich in seinem nächsten Film „BFG“ die Titelrolle übernehmen möchte. Dabei hatte ich noch nicht einmal die Tatsache verdaut, dass ich gerade im selben Studio stand wie Spielberg und Tom Hanks!

Und nun spielen Sie die Hauptrolle in „Waiting for the Barbarians“ – mit Johnny Depp als Nebendarsteller. Wie war die Begegnung mit ihm und seiner Entourage?

Ich glaube, diese ganze Blase um ihn herum nervt ihn selbst am meisten. Allerdings braucht er sie zum Selbstschutz, wie früher ein König – anders könnte er sich der abartigen Zudringlichkeiten vieler Fans gar nicht mehr erwehren. Diese irrationale Vergötterung ist ihm im Grunde zuwider, sie macht ihm richtig Angst. Ich schäme mich fast, es zu gestehen, aber ich hatte anfangs auch gewisse Vorurteile, denn man hatte mich gewarnt, er wäre ein kaputter Typ und schwierig im Umgang. Aber das stimmt überhaupt nicht, im Gegenteil: Wenn man ihn kennenlernt, entpuppt er sich als sehr sanft, sehr zugänglich, sehr aufrichtig, äußerst kultiviert und gebildet, mit einem wunderbar schrägen Sinn für Humor. In den Pausen hat er oft auf einer mitgebrachten Gitarre musiziert und so für eine verspielte Atmosphäre am Set gesorgt. Überhaupt ist er jemand, der vor der Kamera wirklich mit dir spielt.

Wie meinen Sie das?

Als Musiker weiß er, was es heißt, aufeinander zu hören: Er reagiert mit sämtlichen Sinnen auf dein Spiel. Wenn du eine Szene mehrmals drehst und ihm verschiedene Varianten anbietest, steigt er mit großer Lust unmittelbar darauf ein. Er gehört nicht zu den Kollegen, die stur ihren Stiefel durchziehen und denen es schnurzegal ist, was ihr Spielpartner macht. Solche Darsteller gibt es leider beim Film, und irgendwie kommen sie damit durch. Im Theater wäre so etwas absolut undenkbar – da würde das Publikum sofort spüren, dass etwas nicht stimmt.

Was ist für Sie der Hauptunterschied zwischen Kino und Theater?

Im Theater kann dich der Regisseur zwar bei den Proben führen, leiten und ermutigen, aber letztlich hast du als Darsteller jeden Abend die Kontrolle über deine Arbeit: Du und nur du bestimmst das Tempo, den Rhythmus, die Pausen. Du reagierst auf deine Mitspieler, erspürst Signale aus dem Publikum, hörst auf deinen Instinkt, wie ein guter Surfer oder Segler, und triffst jede Sekunde eine neue Entscheidung. Es liegt in deiner Hand. Beim Film hingegen endet dein Einfluss mit dem letzten Drehtag – danach begibst du dich völlig in die Hände des Regisseurs und des Cutters. Du kannst nichts dagegen tun, wenn deine besten Passagen herausgeschnitten werden. Insofern verstehe ich, warum manch kluger Kollege es frustriert aufgegeben hat, sich das Endprodukt anzuschauen: Als Filmschauspieler bist du genauso machtlos wie ein Tennisball, der versucht, den Aufschlag von Serena Williams zu beeinflussen.

Starkes Duo: Mark Rylance und Steven Spielberg (r.).

Wie wählen Sie heutzutage Ihre Projekte aus?

Mein Herz schlägt nach wie vor hauptsächlich fürs Theater. Man hat mir zwar einige Rollen in Comicverfilmungen und anderen Blockbustern angeboten – stets mit dem Hinweis, ich könnte damit sehr viel Geld verdienen und meinen Bekanntheitsgrad enorm steigern. Doch solche Dinge waren mir nie wichtig, deshalb habe ich diese Offerten alle abgelehnt. Wenn ich für ein Filmprojekt zusage, muss es wirklich um ein relevantes Thema gehen, wie etwa in „Waiting for the Barbarians“, dieser brillanten Parabel über Imperialismus, Angst und Fremdenhass: Die Romanvorlage des Nobelpreisträgers J. M. Coetzee ist 40 Jahre alt, aber immer noch hochaktuell. Ich musste sofort an die US-Invasionen in Irak und Afghanistan denken – und natürlich an die faschistoiden Machthaber, die derzeit überall auf der Welt aufpoppen, Hass säen und die Angst ihres Volks vor Fremden schüren.

2019 sind Sie nach 30 Jahren aus der Royal Shakespeare Company ausgetreten – aus Protest gegen das Sponsoring der Truppe durch den Ölkonzern BP. Glauben Sie, dass Sie als Künstler politisch etwas bewirken können?

Natürlich, jeder Einzelne kann etwas bewegen! Ich habe mir jedenfalls trotz globaler Katastrophen meinen Optimismus noch nicht nehmen lassen. Die größten Klassiker der Weltliteratur sind ja nur deshalb so großartig, weil deren Protagonisten darin irgendwann eine Phase durchleiden müssen, die von Chaos, Furcht und Verwirrung geprägt ist. Daher bin ich zuversichtlich: Die finsteren Zeiten, die wir gerade erleben, sind quasi wie der dritte oder vierte Akt eines Shakespeare-Stücks – und der fünfte Akt, das gute Ende, kommt erst noch!

DVD und Blu-Ray von „Waiting for the Barbarians“ bekommen Sie bei Ihrem lokalen Händler hier

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