Stich Kupferstecher, stich das Schöne aus

- Dresden war ein Bild von einer Stadt. Als wäre sie gebaut worden, um gemalt zu werden. Vielleicht wird die gigantische Zerstörung am Ende des Zweiten Weltkriegs, 13. Februar 1945, deswegen bis heute so schmerzhaft empfunden: weil sie nicht nur Menschenleiber verbrannte, sondern den wunderschönen Leib dieser besonderen Metropole. Nur jener Schmerz - lokalpatriotisch und zugleich universell - konnte die Kraft auslösen, den Stadtkörper heilen zu wollen. Symbol dieses Willens zur Wiederauferstehung ist die Frauenkirche, die, neu errichtet, an diesem Sonntag feierlich geweiht wird.

Der Blick auf Dresden wird also der erneuert alte sein. Daher laden die Staatlichen Kunstsammlungen zum Beispiel zu der Schau "Blick auf Dresden" (bis 1. Mai 2006), die Kunst und Kunsthandwerk zeigt. Das wiederum schildert variantenreich die berühmte urbane Silhouette mit der Frauenkirche. Dass der Blick auf die Narbe Dresden nicht allzu sehr überschminkt wird, dafür sorgen die Schriftsteller.

Renatus Deckert hat neben Karl Mickel "Sieben Dichter über Dresden" (Heinz Czechowski, B.K. Tragelehn, Volker Braun, Thomas Rosenlöcher, Michael Wüstefeld, Durs Grünbein, Christian Lehnert) befragt - in Gesprächen und Gedichten, aus denen im Folgenden zitiert wird.

Karl Mickel, aus "Frauenkirche": Claus Dahl hat gemalt: Zwei Pfeiler, die Backen der schwarzen/ Zange, in die das Gewölbe geraten war zu seinem Schad/ Unter dem schwindenden Mond. . . . Die Frau/ Gab in die Wunde den Kopf; die Wundränder fassen und malmen . . / Nicht mineralisch ist mehr, siehe: er weset, der Klump.

Heinz Czechowski, aus "Ich und die Folgen": Ich/ bin verschont geblieben, aber/ Ich bin gebrandmarkt:/ Mein bärtiges Kindergesicht/ Verleugnet die Weisheit/ Der toten Geschlechter.

Volker Braun, aus "Dresdens Andenken": Ein anderes, berühmtes Bild: eine große steinerne Frauenfigur, die leicht vorgebeugt auf die unabsehbare Trümmerfläche weist, sie lächelt, und die offene Hand serviert uns das Unsere, das Menschenwerk.

Michael Wüstefeld, aus "Botschaft der Musen": 45 sah die Wirklichkeit so aus:/ Nicht eine nur/ Neun Musen/ waren aus dem Dresdner Tal gezogen/ das Fürchten erlernt vom Februar// 50 Jahre später vor enttrümmerter/ Kirchruine steilem Mauerzahn/ blasen sich einen die Trompeter der Stadt/ weinen wie Jungfrauen abgegangener Ehre nach/ Längst hat das Tal an Tiefe verloren// Alle 9e! Schreit die Musenbrigade/ . . . Stich alter Kupferstecher/ Stich das Schöne aus.

Durs Grünbein, aus "Gedicht über Dresden": Scheintote Stadt, Barockwrack an der Elbe/ Schwimmend in brauner Lauge, spät fixiert/ Taucht sie aus Rotz und Wasser auf, ein Suchbild/Ein Puzzle, königlich, mit dem der Krieg/ Die Schrecken der Zerstörungswelt entschärfte./ . . . was diesen Brücken keinen Abbruch tat,/Der Silhouette nicht, den schmalen TürmenChiaveris Schwan und dem Balkon Europas, -/ Sandstein der alles weichmacht was hier aufwächst.sida

"Die wüste Stadt - Sieben Dichter über Dresden". Hrsg. Renatus Deckert. Insel Verlag, Frankfurt a. M., 261 Seiten; 12,50 Euro.

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