Die stille Harmonie des Meisters

- Tilmann Riemenschneider: Das sind zartgliedrige Madonnen mit melancholischem Blick und sanft modellierte Jünglinge mit weich fließenden Gewändern um schmale Hüften. Riemenschneider (um 1460-1531) ist zum Markenzeichen für beseelte Skulptur geworden, wo pures Holz zum Leben erweckt und merkantil ein Typus immer wieder kopiert wird. Die zwei Seiten Riemenschneiders, der Genius und der Unternehmergeist, prägen auch die rasante Karriere und den freien Fall des Bildhauers: 40 Jahre lang bestimmte er die Kunst um Würzburg, war Ratsmitglied und Bürgermeister, dann wurde er aus politischen Gründen fallen gelassen und vergessen. Erst nach 1822 (Grabsteinfund) etablierte sich Riemenschneider langsam als Inbegriff deutscher Schnitzlyrik.

<P>Seitdem hat es Riemenschneider nicht nötig, vorgestellt zu werden. Wohl aber ist es sinnvoll, die Sicht auf Virtuosität und Wirtschaftlichkeit gleichermaßen zu lenken: auf die spätgotische Werkstatt, auf Varianten eines scheinbar einheitlichen Werkes, auf soziale und religiöse Hintergründe. Genau das macht Würzburg mit zwei sehr gegensätzlichen Ausstellungen. Die "Werke seiner Blütezeit" werden im Mainfränkischen Museum analytisch gegenüber gestellt, als "Werke seiner Glaubenswelt" werden im Museum am Dom aufrüttelnd und kunterbunt alte Frömmigkeit und neueste Interpretationen präsentiert. In prächtigen Eigenbeständen und Leihgaben ist so nicht nur Riemenschneider 200-fach vertreten, sondern wird auch ein Augenmerk auf Nachfolger und Nachwirkungen gelegt.<BR><BR>Ein Madonnenreigen eröffnet die "Werke der Blütezeit": Mit anmutigem Hüftschwung, das Kind zur Rechten, das Gewand flüssig gefältelt, das wallende Haar sittsam geordnet, bleibt der Marientypus über Jahrzehnte erhalten. Ab 1485 gab Riemenschneider diese Formen seinen Gesellen vor. Wie sie dann zur "Handschrift" beitrugen, zeigt ein Stilvergleich verschiedener Beweinungen: Des Meisters nuancierte Ausführungen wurden zur flachen Typisierung. Bei den Leuchterengeln wurden aus sensiblen Jünglingen harte Gesichter mit scharfen Mandelaugen, schematischem Haar und kantig aufspringenden Gewändern (1505). Die stille Harmonie des Meisters wurde zum Drama, zum Manierismus.<BR><BR>Aufstellungsorte entschieden ebenso über den Perfektionsgrad wie mögliche Fassungen. Beim Heiligen Erasmus (um 1500) und dessen charakterprägenden Gesichtsfalten allerdings erkennt man, dass Riemenschneider auch unter der Farbe perfekt gearbeitet hat.<BR><BR>Adam und Eva von der Würzburger Marienkapelle (1491/ 93) posieren graziös, mit verzückten Gesichtern. 120 Gulden waren sie wert, während für jeden weiteren Apostel (1500/ 06) noch zehn bezahlt wurden. Folglich war das eine gröbere, wenn auch immer noch beeindruckende Arbeit wie beim speckfaltigen Philippus. Die späten Jahre (1515-25) werden flächiger und weicher. Die geschnitzte Madonna aus Washington zeigt eine Verklärung und Zurückhaltung, die alle Nachfolger nie erreichten.<BR><BR>Apropos Nachfolger: Im Museum am Dom wird erstmals der Riemenschneider-Sohn Bartlmä Dill berücksichtigt - mit einem imposant gemalten Dreikönigsretabel aus Brixen. Die gesamte Schau über die intensive, fast verzweifelte Frömmigkeit des Spätmittelalters - als Grundlage für viele Aufträge - ist mit vielen Schlaglichtern und Gegensätzen inszeniert. Diese Verbindung aus Kunst, Glaube und Politik hat Tradition: 1490/ 92 von Riemenschneider im durchdringend blickenden Heiligen Kilian manifestiert, heute in der Zusammenarbeit der Institutionen und Museen.<BR><BR>Triptychon aus Streichholz-Schachteln</P><P>13 Themen von Leben über den Ablass bis zum Tod werden in ihrer existenziellen Bedeutung und ihrer populären Ausführung erläutert. Antonius Höckelmanns kreischend bunter, fast fallender Pilger (1998/ 2000) neben dem Riemenschneider-Jakobus, Rainer Fettings gekrümmter, gepfeilter Sebastian (1988) neben den geschnitzten Pendants sind Beispiele für schockierend gelungene Fortschreibungen.<BR><BR>Was Leiden heißt (Johannes Grützkes Geißelung mit entblößten Frauenfurien, 1995), was Opfer bedeuten (Robert Hoflings doppeltes Triptychon aus verkohlten Streichholz-Schachteln, 1973/ 78), warum Leidensbilder läutern, all das wird demonstriert. Damit erklärt sich auch mancher Motivkanon von Riemenschneider bis Penck, Kollwitz, Barlach und Willi Sitte.</P><P>Bis 13. Juni, <BR>Katalog: 39 Euro. Tel. 0931/ 205 94 54 (Mainfränkisches Museum), 0931/38665605 (Museum am Dom). <BR>Umfangreiches Programm im Internet: www.riemenschneider2004.de.<BR></P><P> </P>

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