Stille über dem Grünen Hügel

- Für die Bayreuther Festspiele ist die Situation fast schon ungewöhnlich. Denn nach Christoph Schlingensief im letzten Jahr ("Parsifal") und vor Tankred Dorst Anno 2006 ("Ring des Nibelungen") inszeniert dort heuer ein Künstler, dem Opernregie kein böhmisches Dorf bedeutet. Nun ist Christoph Marthaler zwar Schauspiel-Mann, doch hat der Schweizer unter anderem mit "Figaros Hochzeit" in Salzburg bewiesen, welch gewitzte, intelligente Aspekte er dem Musiktheater abgewinnen kann.

Mit Marthalers Inszenierung von "Tristan und Isolde" werden am kommenden Montag die 94. Wagner-Festspiele eröffnet, die Ausstattung stammt von Anna Viebrock. Als titelgebendes Paar sind der Amerikaner und Bayreuth-Stammgast Robert Dean Smith sowie die Schwedin Nina Stemme zu erleben. Es dirigiert der Japaner Eiji Oue, Chef der NDR-Radiophilharmonie und übrigens der erste Asiate, der ans Pult im heiligen Bayreuther Graben gelassen wird.

Schlingensief arbeitet

Und was hört man von Marthalers Streich? Wie immer gibt sich die Festspielleitung zugeknöpft. Auffallend ist nur, dass offenbar bis kurz vor der Premiere heftig und viel geprobt wird - was nicht gerade auf große Gelassenheit schließen lässt.

Christoph Schlingensief, 2004 im Rahmen seines "Parsifal"-Versuchs am Grünen Hügel fast in Ungnade gefallen, reiste in den letzten Wochen wieder nach Bayreuth, um die Wiederaufnahme vorzubereiten. Von Hausverbot also keine Rede, nach Festspiel-Angaben hat er seine Probenzeit ausgenutzt. Wie sein "Parsifal" heuer aussieht, dürfte viele beschäftigen, zumal dem Berufsprovokateur enorme Sprunghaftigkeit nachgesagt wird. Robert Holl, Sänger des Gurnemanz, hat darüber kürzlich berichtet: Anfangs seien alle von Schlingensiefs Konzept fasziniert gewesen. Doch nach einer Afrikareise habe er aufgrund der dort gesammelten Eindrücke alles umgestürzt, um seine "Urlaubsvideos" unterzubringen.

Endrik Wottrich (Titelrolle) hatte bekanntlich von solcherlei Eskapaden die Nase voll und übte in der Presse noch vor der Premiere heftige Kritik an Schlingensief. Heuer übernimmt für ihn Alfons Eberz den Parsifal, Wottrich wechselt dafür als Erik zum "Fliegenden Holländer".

Neben "Tristan" und "Parsifal" gibt es in diesem Sommer also noch die Wiederaufnahmen des "Holländers" (Dirigent: Marc Albrecht; Regie: Claus Guth), "Tannhäuser" (Christian Thielemann, Philippe Arlaud) und letztmals den "Lohengrin" in Keith Warners Inszenierung, am Pult: Peter Schneider. Natürlich sind alle 30 Aufführungen ausverkauft, die Nachfrage, auch das ist üblich, überstieg das Ticket-Kontingent ums Zehnfache.

Egal, welch ambitionierte und freche Regie zu erwarten ist: Vom Schaulaufen anlässlich der Eröffnungspremiere hat sich die Prominenz noch nie abhalten lassen. Bundespräsident Horst Köhler hat sich angekündigt, und Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber ist sowieso immer dabei - immerhin posierten er und Gattin Karin letztes Jahr einträchtig mit Schlingensief für Fotos. Ob heuer Angela Merkel, Bayreuth-Besucherin seit Jahren, Ähnliches mit Christoph Marthaler wagt, hängt wohl davon ab, wie viel kulturelle Publicity die CDU-Kanzlerkandidatin benötigt.

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