Die stillen Dinge sind wichtig

- Es ist der 22. Dezember 1989. Während der Bundeskanzler durchs Brandenburger Tor geht, liegt Jule neben ihrem vierzehnten Mann im Bett. Nein: Während Jule neben ihrem vierzehnten Mann in Bett liegt, geht der Bundeskanzler durchs Brandenburger Tor. Man kann die wichtigen Ereignisse der Geschichte so oder so bewerten, wenn sie sich gleichzeitig zutragen. Auch wenn das eine mit viel Tamtam geschieht und das andere ganz still.

In Judith Kuckarts Roman "Kaiserstraße" sind die stillen Dinge die wichtigeren Ereignisse. Deutschland verändert sich ganz nebenbei. "Jetzt passiert Geschichte, sagte er, Geschichte, ein merkwürdiges Gefühl. Er sah aus dem Küchenfenster. Birnbaum und Sandkasten gab es noch. Die Fabrik war abgerissen."

1957, 1967, 1977, 1989, 1999: Das sind die Kapitel in den getrennten kleinen westfälischen Lebenswegen von Leo Böwe - Waschmaschinenvertreter/ Abgeordneter/ untreu/ schlechter Vater - und seiner Tochter Jule, Tänzerin/ Telefonistin/ Wirtschaftswissenschaftlerin/ einmal kurz und einmal wirklich Mutter. Beide sind perfektionistische Eigenbrötler; beide wären trotzdem gern berühmt; beide verbinden "Familie" mit Unvollständigkeit; beide sind fasziniert von der Edelprostituierten Rosemarie Nitribitt, 1957 in der Frankfurter Kaiserstraße ermordet.

Was auch geschieht in diesem Roman, die Dinge behalten ein sachliches Gleichgewicht: durch eine Sprache, ausgereift in poetischer Naivität. Eine schöne wache Unaufgeregtheit prägt Kuckarts Sätze, sie birgt gleichzeitig Tragik und Komik und umgibt den Leser mit einer altmodischen Nebenbei-Atmosphäre zwischen Heimat und Aufbruch. Kuckarts Figuren sind liebenswert in ihrer hilflosen Menschlichkeit. Sie vermögen Glück wie Unglück, allgemein oder persönlich, kaum zu fassen, scheinen sich nur unentwegt zu fragen "Kleiner Mann, was nun?" und als Antwort mit einem galgengrinsenden Schulterzucken weiterzugehen.

"Hängen Sie Ihre Hose nur da auf, wo Sie auch Ihren Hut aufhängen würden", rät ihm der Schuldirektor, als Böwe sein eigenes Leben beginnt. Kuckart lässt Leo und Jule nach diesem Ort suchen, lässt sie ihre eigenen Ereignisse passieren, während die anderen - Dutschke, Meinhof, DDR - einfach passieren, bis dorthin, wo sich beide schließlich verbinden: in Rosemarie Nitribitt.

Judith Kuckart: "Kaiserstraße". DuMont, Köln, 317 Seiten; 19,90 Euro.

Die Autorin liest heute, 20.30 Uhr, im Münchner Eiscafé Venezia, Rotkreuzplatz 8; Info: 089/ 16 93 26.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Fette Fanta-Party
München - Wer das Wort „fantastisch“ im Namen führt und auszieht, sein Best-of unters Volk zu bringen, der hängt die Messlatte hoch. Die Fantastischen Vier erfüllen den …
Die Fantastischen Vier in der Oly-Halle: Fette Fanta-Party
Im Reich von Mode und Magie
Zürich - Spätestens seit dem Terroristen-Epos „Carlos“ ist der französische Filmemacher Olivier Assayas auch deutschen Kinofans ein Begriff. Sein preisgekröntes Drama …
Im Reich von Mode und Magie
Mordmotor mit Unwucht
Andreas Kriegenburg inszenierte William Shakespeares „Macbeth“ fürs Münchner Residenztheater
Mordmotor mit Unwucht
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“
München - Hansi Kraus ist der ewige Lausbub - auch, weil er diesen in Ludwig Thomas Lausbubengeschichten verkörpert. Im Interview spricht Kraus auch über die …
Hansi Kraus im Interview: „Wurde von meiner Familie betrogen“

Kommentare