Stiller Protest und politischer Eklat

- Es begann mit einem politischen Eklat. Als am Mittwochabend im Gewandhaus die Leipziger Buchmesse feierlich eröffnet wurde, kam es zu einem Zwischenfall, der in Europas Zukunft weist. Und die könnte möglicherweise problematischer aussehen, als es bislang den meisten bewusst ist.

<P>Harte Kritik an der Eröffnungsrednerin</P><P>In ihrer Eröffnungsrede stellte Lettlands ehemalige Außenministerin Sandra Kalniete den Völkermord der Nationalsozialisten an den Juden auf eine Stufe mit den Verbrechen Stalins. Daraufhin verließ Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, den Saal. </P><P>Als gestern nun die Buchmesse morgens ihre Pforten öffnete, als Aussteller und Autoren, Journalisten und gleichauf schon jede Menge Publikum in die Hallen strömten, war Salomon Korn der Erste, der auf dem berühmten blauen Interview-Sofa in der großen, lichtdurchfluteten Glashalle Platz nahm. Planmäßig. Der organisatorische Zufall wollte es so, dass Korn hier zu seinem Buch "Die fragile Grundlage" befragt wurde. Aber von dem abendlichen Vorfall war natürlich nicht abzusehen.</P><P>Die lettische Politikerin, die sich anschickt, EU-Kommissarin zu werden, gebrauchte in ihrer englisch gehaltenen Rede das Wort "genozidal". Dazu Salomon Korn: "Das bedeutet, dass es in der Sowjetunion genau so einen Völkermord gegeben habe wie bei den Nazis. Ohne die Verbrechen des Stalinismus verniedlichen zu wollen: Das aber ist nicht der Fall." Warum die lettische Politikerin den Vergleich zog? Korn: "Um die Kollaboration der Letten mit den Nazis herunterzuspielen." </P><P>Anstatt sich mit der eigenen Vergangenheit auseinander zu setzen, werde sie gar nicht erst zur Sprache gebracht. Unter diesem Aspekt mache ihm, so Salomon Korn, auch die bevorstehende Osterweiterung der EU Sorge, denn der Antisemitismus sei in Ländern wie Lettland und, ja, auch Polen nach wie vor vorhanden. Nein, die lettische Europapolitikerin habe sich nicht entschuldigt für ihre Entgleisung; aus ihrer Sicht war es ja auch keine. Entschuldigt beim Zentralrat der Juden habe sich aber Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee. Denn Misstöne dieser Art kann und will die Stadt sich nicht leisten. </P><P>Kein Zweifel, damit hängt ein Schatten über der an sich so fröhlichen, so gut gestimmten Buchmesse. In Leipzig ist man auf Wachstum eingestellt. Mit 2000 Ausstellern aus 30 Ländern ist das gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung von fünf Prozent. Die Ausstellungsfläche hat sich um sechs Prozent auf 44 000 Quadratmeter vergrößert. Zwischen dem 25. und dem 28. März werden 15 Literaturpreise vergeben. Man rechnet damit, dass die Besucherzahl erstmals im sechsstelligen Bereich liegen wird. Allein 28 000 Schüler werden in den Messehallen erwartet. Und wer sich schon am ersten Tag durch den Strom von Erstklässlern bis zu Abiturienten schieben muss, dem wird der deutliche Beweis geliefert: Bücher und Lesen sind nach wie vor höchst attraktiv.<BR><BR>Die Leipziger Buchmesse setzt bewusst sehr stark auf dieses Publikum. So umfangreich wie nie präsentieren sich in diesem Jahr die Bereiche für Kinder und Jugendliche; dazu werden insgesamt 260 Veranstaltungen geboten. Lesebuden, Lesezelte, Schmökerecken jede Menge. Hier wird gelesen und vorgelesen, dass die Schwarte kracht - Literatur, Comic, Fantasy. Die Kinder nehmen im wahrsten Sinne des Wortes von der Messe Besitz.<BR><BR>Das ist die große Chance der Bundeswehr. Mit über 200 Quadratmetern hat sie als Aussteller den größten Messestand; inmitten der Kinderbuchverlage. Von der Warte der Verleger und Autoren aus ist das ziemlich widersinnig, da die Bundeswehr bekanntermaßen Bücher nicht im Programm hat. Diese grandiose Werbeplattform des Militärs bietet denn auch nicht wenigen Schriftstellern und Verlagsleuten Anlass zum stillen Unterschriftsprotest. So hat eben auch diese Buchmesse ihre kleinen Ecken und Kanten. Der animierenden Atmosphäre aber, die Leipzig verbreitet, dem geistigen Klima der Stadt tun sie keinen Abbruch. Und wenn Salomon Korn am Donnerstag sagte, "in Deutschland ist es durchaus normal, dass noch nicht alles normal ist", dann hat das neben aller Kritik durchaus auch etwas Tröstliches.<BR></P>

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