Stillgestanden!

- Noch bevor die sehnsuchtsvolle Cello-Phrase ertönt, um in den berühmten Akkord zu münden, treten sie auf. Melot, Brangäne, Marke, Tristan, Isolde, der Männerchor, sie alle wenden sich während des Vorspiels zum Publikum, während eine projizierte Schrift die nahe liegende Frage stellt: "Wo sind wir?" Jedenfalls nicht an Deck. Sondern auf einer blank polierten, spärlich beleuchteten Bühne, die ein riesiger Kubus beherrscht. Und fast alle bleiben dort, die folgenschwere Annäherung des Liebespaares beobachtend: Figuren eines rätselvollen Assoziationsraumes, stumme Akteure in einer Art Labor der Nacht.

<P>Ein Ereignis: Lothar Zagroseks Dirigat</P><P>Dass Regisseure dem "überströmendsten Leben in seinen allerheftigsten Affekten", wie es der Komponist umschreibt, mit Verweigerung begegnen, das Rauschhafte von "Tristan und Isolde" nicht szenisch verdoppeln wollen, also im Statuarischen Spannung suchen, das ist nicht neu. Heiner Müller hat's in Bayreuth versucht, auch Klaus Michael Grüber in Salzburg, als er zweimal sogar das Licht ausknipste - und den Hörer mit Richard Wagner allein ließ.<BR><BR>Luk Perceval zielt in seiner ersten Opernregie, die er nun in Stuttgart zeigte, auf Ähnliches. Jener belgische Theaterregisseur also, der an den Münchner Kammerspielen vorgeführt hat, zwischen welch gegensätzlichen Polen sich seine Arbeit bewegt: zwischen der heftigen Emotion im Shakespeare'schen "Schlachten"-Marathon und reduzierter, auf Kammerton gestimmter Kunst wie in Jon Fosses "Traum im Herbst".<BR><BR>Stillgestanden! Dieses Konzept mag verführerisch sein. Kurze Blicke, Körperdrehungen, ein sachtes Händchenhalten, zeitlupenhaftes Schreiten, der Moment, wenn Brangäne den Dolch an Melot überreicht, auf dass er Tristan ersteche: Solche Situationen sagen oft mehr über Befindlichkeiten und Motivationen aus als detaillierte Gestik.<BR><BR>Und Annette Kurz' düstere Bühne, auf der Brangänes rotes Kleid und Markes weißer Anzug wie Fremdkörper wirken, eine Bühne, die geheimnisvolle Spiegelungen ermöglicht, unterstützt dies. Im zweiten Akt öffnet sich ein Wand-Winkel zum Publikum - Ort des Treffens zwischen Tristan und Isolde, hinter dem die Schritte sich nahender Personen als Bedrohung sichtbar werden. Im letzten Aufzug ist der Winkel nach vorn gekippt, überwölbt mit Sternenglanz den sterbenden Helden, während hinten Kurwenal und der Hirt in dumpfes Warten verfallen sind.<BR><BR>Doch Perceval überschätzt die Ausstrahlung seiner Arrangements - und seiner Sänger. Denn meistens strauchelt er auf der Gratwanderung zwischen spannungsvoller Leere und Nicht-Regie, liefert nur Magie- und Wirkungsloses. Statt Handlung zu erzählen, offeriert er lebende Bilder. Statt Sänger zu führen, lässt Perceval sie allein. Er, der im Vorfeld mit seiner Opernferne auch noch kokettierte, drückt sich um die Regie. Auch wenn die Aufführung im Laufe des Abends an Kontur gewinnt, driftet sie doch immer wieder ins Konzertante. Einziger "Akteur" bleibt der Text, womit immerhin der Traum gefrusteter Hörer erfüllt wird: Perceval lässt Worte, Satzfetzen projizieren. Und das Publikum kapiert - ach, das haben die gerade gesungen.<BR><BR>Als habe ihn dieses maue Geschehen geradezu angestachelt, so treibt Lothar Zagrosek das Stuttgarter Staatsorchester in einen viereinhalbstündigen Hyper-Furor. Eine der flottesten, lautesten "Tristan"-Interpretationen, das verärgerte manchen. Doch Zagroseks Deutung, die sich nie im Schwelgen verliert, ist das eigentliche Ereignis dieser Produktion: die analytische Schärfe, der genau geformte, zugespitzte Klang, die atemlosen, sich überstürzenden Entwicklungen, die pathosarme Dramatik. Und das Orchester musiziert das mit einer solchen Verve, dass man schon jetzt Trauer über Zagroseks Weggang Anno 2006 empfindet.<BR><BR>In dieser Oper zwei optimale Protagonisten zu finden, ist fast unmöglich. Immerhin, Gabriel Sadé´, der sich erkältungsbedingt entschuldigen ließ, hat für den Tristan die richtige, gewichtige Heldenstimme. Viril und substanzreich tönt sein Tenor, auch konditionsstark, manchmal nicht optimal profiliert, doch das lag wohl an der Indisposition. Lisa Gasteen (Isolde) enttäuschte. Die Attraktivität ihres hellen, hohen Soprans ist dahin; unausgeglichen, zerfasert klingt die Stimme, wie auf der Suche nach einer neuen Technik.<BR><BR>Festspielwürdig das übrige Personal: Michaela Schuster rückte mit faszinierender Ausstrahlung und starker Mezzo-Dramatik die Brangäne in den Mittelpunkt, Wolfgang Schöne gab dem Kurwenal große vokale und darstellerische Präsenz - kein Diener seines Herrn, sondern ein selbstbewusster, würdevoller Herr, darin Marke ebenbürtig. Den kleidete der phänomenale Attila Jun in Belcanto-Wohllaut und rückte damit in die erste Reihe der Wagner-Bässe vor. Wenigstens musikalisch wurde dieser Stuttgarter "Tristan" also dem Renommee des Hauses gerecht. Jetzt fehlt nur noch ein Opernregisseur.</P><P> </P>

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