Stillleben mit Kaffeelöffel

- Ein Stau, kurz vor der Grenze. Irgendwo zwischen Innen und Außen. Im Niemandsland zwischen Erlebtem und noch nicht Verarbeitetem, dort wo man sich nicht gerne aufhalten will. Oder eben aufgehalten wird durch Gefühlsrückstau, Gedankenstockung, durch eine lange Schlange nicht mehr bestätigter Gewissheiten. Zähflüssig erfolgt die Wahrnehmung der Außenwelt, schrittchenweise nur gelingen Versuche der Kontaktaufnahme auf der Gegenspur. Einen Abzweig gibt es für die Figuren in "Glück und Scherben": das Erzählen, Rekonstruieren, allmähliche Verstehen.

<P>So sehr sind sie mit sich selbst, ihrer eigenen oder ihrer Rolle in einer fremden Vergangenheit beschäftigt in diesem neuen Geschichtenband des Literaturprofessors und Kritikers Reinhard Baumgart, dass man sie für Ich-Erzähler halten möchte, obwohl sie es gar nicht alle sind. Und so ähnlich diese Personen scheinen, so vergleichbar ihre Gemüter und so verwechselbar ihre Stand- und Stillhalteorte sind, geraten diese sieben miniaturhaft dichten, die Leere aussparenden Erzählungen doch sehr verschieden. Witzig, bissig, vergrübelt, lyrisch, traurig, verschroben sind sie alle, aber eben in unterschiedlichem Maße.</P><P>"Die Erfindung des Kusses" zum Beispiel tendiert zum Senilen. "Opa liegt im Koma", dringt es durch Goettles wolkigen Wachtraum. Er will die Erschaffung der Welt von vorn beginnen, schafft es aber gerade einmal, seine ersten Versuche des Küssens zu erinnern, unter besonderer Berücksichtigung des nie gelösten Problems, dass dabei die Nasen im Wege sind. Seinen Schöpfungsfrevel an Gott mindert die Erfahrung, dass er eben nur ein Goettle ist. Neben wenigen weiteren Kalauern sticht die eigene Einsicht dieser Figur hervor, dass in einer solchen Seniorengeschichte "die alten Helden eine triste Wärme ausstrahlten".</P><P>Ganz anders, frech, frivol, fatal: "Gelähmt". Eine Frau und ein Mann täuschen ihre Umwelt: Sie, nach einem Unfall vorübergehend im Rollstuhl, spielt die schöne, am Fenster sitzende, von der Außenwelt abgeschnittene Gelähmte. Nur er darf sie, und nur nachts, zu erotischem Leben erwecken. Bis das Spiel mit der Anteil nehmenden Nachbarschaft plötzlich auffliegt. Gefangenschaft als Bedingung für diese Beziehung und zugleich als erster Schritt zur Befreiung beschreibt die weibliche Erzählerin hier.</P><P>Und immer wieder malt Baumgart Stillleben: So eines hat der junge Journalist im Kopf, als er "Ein Denkmal für Muth", den verstorbenen Kollegen, verfassen soll. Der holzhaltige Mantel aus dem Jahr der Währungsreform, ein zinnoberrotes Sandkuchenförmchen und ein Eine-Milliarde-Reichsmark-Schein formen sich zu einem Sinnbild für Muth in dieser fröhlichen Erzählung. Während in "Glück und Scherben" ein Kaffeelöffel, ein Zettel und kleine weiße Kristalle auf dem Küchentisch - Salz, nicht Zucker - das Ende einer Beziehung bedeuten, die der Erzähler selbstquälerisch und langatmig in ihre immer hässlicher anmutenden Einzelteile zerlegt. Ihm schwant, dass Scherben kein Glück mehr bringen, wenn es das Glück selbst ist, das in Scherben liegt. Dass die Scherben mitunter auch ganz hübsch anzusehen sind, erzählt dieses Buch.</P><P>Reinhard Baumgart: "Glück und Scherben". Hanser Verlag, München. 176 Seiten, 17,90 Euro.<BR>Der Autor liest heute um 19.30 Uhr in der Münchner Seidl-Villa (Tukan-Kreis); Tel. 089/ 33 31 39. <BR></P>

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