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Diana Damrau: Opernstatist Maximilian Maier holt dem Publikumsliebling, der die Titelpartie singt, schnell noch einen Becher Kaffee.

Blick hinter die Kulissen

Den Stimm-Idolen ganz nahe

München - Der Mann im Frack erzählt: Die „Traviata“-Aufführung im Münchner Nationaltheater aus der Sicht eines Statisten.

Früh dran bin ich. Ungefähr eine Stunde vor Beginn haben wir Statisten „Kommzeit.“ Es muss ja genügend Muße sein zum Umziehen und Schminken. Mit dem Aufzug geht es hinauf in den 6. Stock. Da sind, neben dem Ballettsaal, auch die Statisten-Garderoben. Zuerst melde ich mich im Büro bei unserem Chef Reinhard Schmutz. Dann wird der Abend kurz besprochen. Auf dem Programm steht Verdis „La traviata“, erstmals mit dem Publikumsliebling Diana Damrau in der Titelrolle. Ich schmeiße mich in den Frack und gehe in die Maske. Bei „Traviata“ bekommen wir nur etwas weißen Teint und dunkle Augen geschminkt. Es gibt aber deutlich aufwändigere Produktionen, wie etwa „Siegfried“ im Ring. Da sind alle Maskenbildnerinnen im Einsatz und bemalen unsere Körper mit schwarzer und weißer Farbe. Als Werkzeug dient eine handelsübliche Weißel-Rolle. Seitdem weiß ich, wie sich eine Wand fühlt. Gott sei Dank geht die Farbe gut wieder runter! Bis auf das Rot der Statisten, die den Drachen Fafner spielen. Da muss dann schon mal ein Unterhemd dran glauben.

Nachdem ich äußerlich hergerichtet bin, ist noch etwas Zeit zum Vorstellungsbeginn. Ich blödle etwas mit den Kollegen und sehe mir ein Weltmeisterschaftsspiel an. Denn König Fußball regiert natürlich  auch an der Staatsoper. Im gemütlichen Lichthof der Kantine trifft sich das ganze Ensemble vor einem großen Fernseher, um in den freien Minuten bei der WM zuzuschauen. Spätestens um kurz vor sieben Uhr wird es aber ernst, und alle konzentrieren sich ausschließlich auf die Aufführung.

Im Bühnengang treffe ich Diana Damrau. „Guten Abend, toi, toi, toi“, wünscht sie strahlend. Ich frage Sie nach ihren Kindern. „Sie sind daheim mit meinem Mann. Die haben sich wahrscheinlich  heute nicht nach Deutschland getraut“ erzählt sie lachend. Ihr Gatte ist der französische Bariton Nicolas Teste. Solche Begegnungen sind immer Höhepunkte, da man seine Idole aus der Nähe und etwas persönlich erlebt. Besonders  bei Neuproduktionen lernt man die Sänger im Laufe der Proben näher kennen.   Sehr   lustig  ist  es immer mit Wolfgang Koch oder Ambrogio Maestri. Mit Koch haben wir bei Vormittagsproben manche Zigarette geraucht. Als wir wieder hineingehen wollten, meinte er nur: „Geht schon mal vor, ich muss erst den Entzug von heute Nacht wieder reinholen“ – und zündete sich genüsslich noch eine an. Unglaublich, wie stimmschön er fünf Minuten später auf der Probe voll aussang. Elina Garanca habe ich vor einer „Carmen“-Vorstellung aus Versehen beinahe eine Türe vor den Kopf geknallt. Mir war es wahnsinnig peinlich und ich habe mich tausendmal entschuldigt. Sie hat nur gelacht und meinte, es sei ja nichts passiert.

Die Aufgaben für uns Statisten sind breit gefächert. Teilweise stehen wir im wahrsten Sinne des Wortes dekorativ herum, zum Beispiel in den Balletten. Meistens aber sind Rhythmusgefühl, Tanzelemente und schauspielerisches Können gefordert. In der „Traviata“ gehen wir während der Ouvertüre als vornehme Herren im Frack von einem kleinen Mädchen (der jungen Traviata) weg, sind etwas pikiert und fühlen uns ertappt. Dann reißen wir die Türen auf und verwandeln uns in eine ausgelassene Pariser Feiergesellschaft, tanzen Polonaise und trinken während des berühmten Brindisi-Lieds Champagner (oder eher Gänsewein). Also ist auch an diesem Abend von uns eine gewisse darstellerische Bandbreite in wenigen Minuten gefordert.

Kritisch in der „Traviata“ ist stets das viele Laub auf der Bühne. Es ist sehr rutschig, und einige Sänger haben sich schon auf die Nase gelegt. Auch Diana Damrau flüstert im zweiten Akt im Abgehen zwinkernd vor sich hin: „Da traut man sich gar nicht mehr raus...“ Ich warte an der Seite, höre zu und beobachte gerne solche kleinen Episoden. Mitte des zweiten Aktes gibt es einen Umbau, an dem wir beteiligt sind. Die Spieltische müssen an bestimmten, markierten Stellen der Bühne stehen; da gehen wir der Technik zur Hand. Auch das kann Statistenarbeit sein.

Hier stellt sich die Frage: Wie wird man eigentlich Statist? Normalerweise geht man in das erwähnte Büro im 6. Stock, hinterlässt seine E-Mail-Adresse und wird zum nächsten Vorsprechen eingeladen. Dort werden ganz unterschiedliche Dinge verlangt, mal Athletisches, mal gewisse Posen oder kleine Schauspieleinlagen. Oder es wird einfach rein nach dem Aussehen und dem Typ besetzt – das entscheidet dann der Regisseur. Ich rutschte über die „Reserve“ rein. Bei jedem Stück gibt es Leute, die für den Notfall einspringen müssen. Das erste Mal Reserve war ich mit 18 Jahren bei einer „Bohème“ mit Anna Netrebko. Eine Schulfreundin hatte mich mitgenommen. Ich war damals bereits opernbegeistert; seit meiner Zeit im Kinderchor der Staatsoper hatte mich das Bühnenfieber gepackt.

In der „Traviata“ haben wir nach dem zweiten Akt eine längere Pause. Auch Warten muss man am Theater beherrschen. „Die Hälfte seines Lebens wartet der Sänger vergeblich“, hat mir ein Ensemblemitglied mal gesagt. In solchen Fällen gehe ich dann in die Kantine, ratsche mit Kollegen oder lese etwas. Für den letzten Auftritt an diesem Abend im dritten Akt haben wir noch einen Umzug. Ganz in Schwarz mit weißer Totenmaske stellen wir Geister dar, die kurz vor Alfredos Eintreffen nach der todkranken Violetta greifen und sich dann wieder zurückziehen. Vor diesem Auftritt sitze ich hinter einem Vorhang auf der dunklen Bühne und lausche Damraus ergreifender Arie.

Nach der Vorstellung ist der Jubel groß und alle Beteiligten sind erleichtert. Ich habe an diesem Abend keinen „Applaus“, muss also nicht den Vorhang für die Solisten aufhalten. Auch das ist Aufgabe der Statisten, eine sehr schöne sogar. Denn dort herrscht immer eine spezielle, euphorische und ausgelassene Stimmung. Ein lustiges Erlebnis hatte ich nach einer Vorstellung von „L’elisir d’amore“. Der bereits erwähnte Ambrogio Maestri, Erzkomödiant und hervorragender Koch (seine Risotto-Tipps auf dem Internet-Portal youtube sind Kult), sang den Dulcamara. Nachdem der Applaus zu Ende war und die übrigen Solisten sich schon in die Garderobe begaben, klatschte Ambrogio laut hinter dem Vorhang. Tatsächlich fing kurz darauf ein einsamer Besucher im Zuschauerraum wieder an, Beifall zu spenden. Ambrogio hatte einen Riesenspaß und trieb sein Spiel munter weiter, bis tatsächlich im Haus die Ovationen wieder anfingen. Alle Solisten mussten nochmal zurückkommen und sich verbeugen. So war Maestri wohl der einzige Sänger, der sich und seinen Kollegen selber nochmal aus Gaudi einen Vorhang erklatscht hat.

Maximilian Maier

Hinter den Kulissen: Die Reportage in Bildern

Oper erleben als Statist: die Reportage in Bildern

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