Stimme und Atmung

- Eine tief brummende, voll tönende, schnoddrig berlinernde Stimme versetzt mitten hinein in Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz". Es ist das ganz erstaunlich warm klingende und doch ruppige Sprechorgan Ben Beckers, das diese Lesung des berühmten deutschen Großstadtromans zu einem Hörgenuss ab der ersten Silbe macht.

<P>Ben Becker, der den Franz Biberkopf 1999 im Berliner Maxim Gorki Theater spielte, wird auch auf diesen drei CDs ganz Figur, seine Stimme scheint Formen anzunehmen und tut es jedenfalls auf den Bildern und Szenen im Kopf des Zuhörers. Da steht dieser aus der Haft entlassene Biberkopf vor der Strafvollzugsanstalt in Tegel und blinzelt skeptisch in ein neues Leben. Gedanken scheinen aus seinem Hirn zu schweben und sich neu zu formieren, wenn er in den Spiegel sieht und den veränderten Franz dort erblicken will.</P><P>Besonders diese Wahrnehmungssplitter, dieses Flirren der Eindrücke vor dem Hintergrund eines dumpfen Bewusstseins hebt Becker deutlich heraus: Mit einem Tonfall, der sich in Luft aufzulösen scheint, zu verschwinden beginnt, noch ehe er recht angeschlagen ist. Kernig, bildhaft hingegen die Stimmen der anderen Rollen: der ängstlichen Minna mit ihrem schuldbeladenen Flehen; der rüde geifernden Wirtshaus-Gesellschaft; der Arbeiter, Witwen und Luden. Becker macht aus diesen Figuren allein mit Stimme und Atmung traurige Karikaturen, manchmal auch witzige kleine Genre-Zeichnungen.</P><P>Die Geschichte von einem, der sich bessern wollte und nur tiefer ins Unglück läuft, weil er "vom Leben mehr verlangte als das Butterbrot", wird so lebendig, dass man nach dem Hören meint, einen Film gesehen zu haben. Was sicherlich nicht zuletzt an der klug "geschnittenen" Textfassung Karin Lorenz' liegt und auch ein bisschen an dem sorgfältig einführenden Booklet.<BR>Christine Diller</P><P> </P>

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