Stimmen der Opfer

- Von jungenhaftem Abenteurertum kündet die Poesie des Buchstaben-Bands, das da so harmlos über eine kleine Videowand fließt: "Wolfsschanze", "Werwolf", "Felsennest", "Adlerhorst", "Tannenberg", "Wolfsschlucht I und II", Führersonderzug. "Führerhauptquartier war dort, wo Hitler sich jeweils aufhielt", erklärt eine Stimme aus dem Off, die die wichtigsten Ereignisse des Jahres 1941 referiert und schließlich bei ihrem Thema anlangt: "Hitlers Tischgespräche".

<P>Iris Berben, die bereits mit den Tagebüchern von Anne Frank und Joseph Goebbels durch Deutschland gereist war, las am Wochenende im Münchner Prinzregententheater die Aufzeichnungen, die Oberregierungsrat Henry D. Picker ab 1942 von den Tischgesprächen Hitlers angefertigt hat. Tisch-Selbstgespräche oder jedenfalls -Monologe müsste es eigentlich heißen, denn, so ist es überliefert, niemand wagte zu widersprechen, wenn Hitler bei banalster Gelegenheit Grausamstes referierte.</P><P>Regisseur Carlo Rola lässt in dieser Lesung die Gegenstimmen zu Wort kommen. Rechts sitzt Iris Berben und trägt mit harter, farbloser Stimme vor, wie Hitler denjenigen Juden anständig findet, der sich selbst das Leben genommen hat, und wie er die Kriegsopfer mit dem kräftigen Anstieg der Geburtenrate entschuldigt.</P><P>Wenn Berben links steht, vor einem grabmal-artigen Monolithen, schwingt ihre Stimme, pendelt von der verhaltenen, nüchternen Klage zum ungebremsten Ausbruch von Wut und Empörung: Schilderungen aus dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück. Beobachtungen des polnischen Schriftstellers Jó´zef Mackiewicz, der unweit des Konzentrationslagers Ponary bei Wilna "das mehr oder weniger deutliche Geklopfe der Massenschlächterei" vernahm. Bis er sie zufällig mit eigenen Augen zu sehen bekam. "Schlächterei" ist fast noch beschönigend für das unfassbare Inferno. Eine tiefe Stille, lange Andacht breitet sich aus, als Iris Berben geendet hat. Erst danach erhält sie den wohlverdienten Applaus für diese gerade durch ihre Schlichtheit so drastische und erschütternde Lesung.</P>

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