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Von den Handwerkern und Technikern des Volkstheaters um Technik-Chef Siegfried Dellinger (Mi.) ist Bühnenbildner Karner begeistert.

Die Stimmung muss stimmen

Zu Roland Schimmelpfennigs „Alice im Wunderland“ im Münchner Volkstheater: Wie ein Bühnenbild entsteht

„Vorsicht, alle weg da! Du auch“, ruft ein Bühnenarbeiter aus luftiger Höhe seinen Kollegen und dem Technischen Leiter des Münchner Volkstheaters, Siegfried Dellinger, zu. An einer stabilen Eisengliederkette beginnt eine große Lautsprecherkiste von der Seite in die Mitte der Bühnenkante und herab- schwebe-zu-wackeln. Im schwarz gestrichenen Bühnenraum wird gleichzeitig eine Art Gerüst festgeschraubt. Metall schimmert, helle Holzplatten werden eingepasst – ruhige, konzentrierte, unaufgeregte Arbeit. Die sogenannte technische Einrichtung ist im Gange. „Zum allerersten Mal werden die Originalteile auf der Originalbühne aufgebaut“, erklärt Bühnenbildner Markus Karner (35), der in Berlin lebt. Diese Teile werden am 24. Januar Premiere haben. Und zwar in Bettina Bruiniers Inszenierung von „Alice im Wunderland“; einer erneuten Adaption des Romans von Lewis Carroll, dieses Mal von Roland Schimmelpfennig.

Bühnenbild-Modell

Noch aber existiert Wunderland nur in den Köpfen der Theatermacher. Auf den Zuschauerreihen steht Karners Bühnenbild-Modell, ein kleines Abbild der Bühne des Volkstheaters. Viel Fantasie braucht der ungeübte Betrachter, um in dem realen Gestänge die angestrebte Szenerie auch nur zu erahnen. Auf der echten Bühne startet man in dieser Phase zum „Jungfernflug“. Jetzt muss sich herausstellen, ob das, was sich der Bühnenbildner ausgedacht hat, was Werkstattleiter Hermann Bantner am Computer errechnet hat und was die Handwerker an Vorschlägen eingebracht haben, auch funktioniert. Sicherheit geht vor.

Karner kam nach einem Studium der Medizin und Theaterwissenschaften über eine Assistenz in Göttingen zum Bühnenbild. Von Berlin bis Konstanz ist er mittlerweile tätig – auch im Bereich Oper. Durch seine zehnjährige Arbeitspartnerschaft mit der Regisseurin Bruinier geriet er nun an die Münchner „Alice“. Wie man auf die Ursprungsidee komme, sei ein schwierige Frage. Das könne man sich selbst nicht einmal erklären, lächelt der Künstler, dem es allerdings ganz wichtig ist, die Grenze zwischen Kunst und Handwerk aufzuweichen.

„Zuerst liest man den Text und das dramaturgische Material dazu. Da kommen relativ früh und schnell Bilder, die ich aber absichtlich zurückhalte. Dann liest man den Text zusammen – Szene für Szene.“ Das Wichtigste sei mit der Regie eine „Grundästhetik“ für das Stück zu finden, in welcher Stimmung – „mehr schmutzig oder mehr mystisch...“ – es spielen soll. Die Angaben des Autors zum Raum wolle er zwar „nicht ignorieren“, reflektiert Markus Karner seinen Standpunkt, er wolle sich aber davon freimachen. „Wofür steht der Ort“, das ist für ihn die Frage – die er mit seinem Bühnenbild beantworten muss.

Konzept – Bauprobe

„Das Grundkonzept für ,Alice‘ richtet sich nach der Theaterrealität und ist nicht filmisch getreu.“ Damit habe man Freiheit gewonnen. Aber, so viel sei verraten, Karners karges Bühnenbild mit versetzten Podesten – „Reduktion und Prägnanz“ – hat es in sich. Auf die „Klarheit und Flächigkeit“ hätten sich er und die Regisseurin schon bald geeinigt. Auf Klebezetteln seien „Stegreif-Skizzen“ entstanden. „Ich baue dann schon recht schnell in ein erstes Modell aus weißer Pappe. Man hat dadurch den dreidimensionalen Eindruck.“ Dieser erste Entwurf scheiterte aber, weil er im Volkstheater mit seiner schwierigen, kleinen Bühne (Tiefe: acht Meter, Breite: zwölf Meter, Vorbühne: sechs Meter, keine Ober- und Untermaschinerie) nicht umsetzbar war. Und an dieser Stelle bricht Markus Karner in heftiges Lob aus.

Das gilt den Technikern und Handwerkern am Haus. Obwohl es von der Ausstattung her nicht viel biete, mache die Technik fast alles möglich. „Die Kollegen sind offen und Super-Ratgeber, sind konstruktiv und denken im Entwurf“, schwärmt der Bühnenbildner geradezu. „Es macht große Freude, mit ihnen zu arbeiten, und sie sind immer bereit, einen Schritt über die Grenzen hinaus zu gehen.“ Seine Zeichnungen und Grundrisse habe er von Berlin aus zunächst ans Theater gemailt. Durch Gespräche werde geklärt, was funktioniert und was nicht. Denn Karner hatte sich ja was Besonderes einfallen lassen.

Und dann kommt die Bauprobe: „Kurz vor Probenbeginn werden die Objekte mit Pappe oder Stoff auf die Bühne gebaut, damit der Raumeindruck stimmt. Und man sieht die technischen Probleme; wo stört eine elektrische Leitung oder dergleichen. Maße müssen eventuell revidiert werden.“ Es folgt die Werkstattabgabe, dann legen die Werkstätten los. Am Volkstheater gibt es die Gewerke Schlosserei und Tischlerei, aber zum Beispiel keinen Malersaal. Was man „zuhause“ nicht bewerkstelligen kann, wird an Firmen vergeben. Nächste Stufe ist die bereits erwähnte technische Einrichtung.

Licht und „Amas“

Es schließt sich etwas „visuell gesehen sehr, sehr Wichtiges“ an, sagt Markus Karner: die Beleuchtungsprobe. Jetzt ist die „Kunst des Beleuchtungsmeisters“ (Günther E. Weiß) gefragt, denn „das Licht bringt Plastizität in den Raum rein“. Man kann die Atmosphäre – kalt, bunt, fahl... – ändern und natürlich die Wirkung der Darstellerkörper/ -gesichter. Nächste Phase: Bei den Endproben steht der Feinschliff an. Zwei „Amas“ gibt es, will sagen: „Alles mit allem“ ist da auf der Bühne. Änderungen möglich. Aber dann drängt das Finale: Generalprobe – Premiere von „Alice im Wunderland“. Toitoitoi!

Premiere:
24. Januar, 089/523 46 55.

von Simone Dattenberger

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