Stimmungskitsch

- Lessing und Bayern, das sei eine schwierige Liaison. So die kolportierte Meinung vor der Premiere von "Nathan der Weise" beim diesjährigen Theatersommer Garmisch-Partenkirchen. Eine an sich haltlose Behauptung. Nachdem nun aber die Premiere im charmelosen Kongresshaus über die Bühne gegangen ist, muss gefragt werden: "Nathan" und der Theatersommer, "Nathan" und Cordula Trantow - geht das denn?

<P>Nein, es geht eigentlich nicht, jedenfalls nicht gut. Warum? Weil Festspielchefin Trantow mit diesem Stück ein bisschen zu hoch gegriffen und, pardon, ihre eigenen Regie-Fähigkeiten überschätzt hat. Wie Blei liegt auf dieser Inszenierung eine falsch verstandene, aufdringliche Solidarität mit sämtlichen Glaubensopfern dieser Welt. </P><P>Da hat die Regisseurin, so scheint's, von Lessing wenig begriffen. Derart gefühlsarm, humorlos, matt, dabei aber doch so oberflächlich und in der Personenführung ungenau war sein "Dramatisches Gedicht" bislang wohl kaum zu sehen. Wo Tragik und Komik dicht beieinander liegen müssten - Beispiel: die fromm-heitere Naivität des Klosterbruders und die leidvolle Erinnerung Nathans an seine von Christen ermordete Frau und die getöteten Söhne -, da sorgen bei Trantow hinzuerfundene, stumme Zwischenakt-Szenen, bei denen sich die Schauspieler die Seele aus dem Leib mimen müssen, nur für Stimmungskitsch. Dazu ein Allerleiwelts-Musikgedudel. Die zentrale Pogrom-Szene aber hat sie wie den Text überhaupt sträflich zusammengestrichen. </P><P><BR>Dabei hätte es durchaus anders, besser kommen können. Eine Reihe wackerer, erfahrener Schauspieler - unter ihnen Wolfgang Dehler (Nathan), Peter Uwe Arndt (Saladin), Peter Fricke (Patriarch) - ließ vorab auf einen passablen Umgang mit dem Stück hoffen. Darauf, dass die Geschichte klar und verständlich erzählt würde: Wie der reiche Jude Nathan dem vom Sultan begnadigten Tempelherrn danken will dafür, dass er Recha, Nathans an Kindes statt angenommene Tochter, aus den Flammen gerettet hat; wie Nathan zum hoch verschuldeten Sultan bestellt wird, der ihm die Fangfrage nach der besten aller Religionen stellt; wie der Patriarch von Jerusalem den Juden verbrennen lassen will, weil er das Christenkind Recha als seine Tochter großgezogen hat; und wie schließlich Nathan sie dem verliebten Tempelherrn nicht zur Frau geben kann, weil sie in Wahrheit Geschwister sind. . .</P><P><BR>Doch das ging alles unter im prätentiösen Dunst der Regie, dem natürlich auch die jungen, mächtig unerfahrenen Schauspieler Kerstin Fischer (Recha) und Jens Atzorn (Tempelherr) zum Opfer fielen.</P>

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