Wer stirbt so schön?

- Armer Tschaikowsky-Held. Kein reißerisches Arien-Finish, nicht mal eine sentimentsatte Sterbeszene (Was ist dagegen "Maskenball" oder "Götterdämmerung"!), notfalls im Arm der Diva - nein, einfach verlöschen muss er, nur Abschiedsgestammel auf den Lippen. Womöglich schlug auch deshalb das Applausometer im Nationaltheater nicht so heftig aus wie kürzlich bei der "Walküren"-Ovation für Peter Seiffert, bewegte sich der Beifall in den Bahnen allenfalls gepflegter Ekstase. Oder klatschen 240-Euro-Ticketbesitzer einfach anders?

<P>Egal, kaum einer stirbt so schön wie er. Und kaum einer gestaltet eben den Hermann so eindringlich, so berührend wie Placido Domingo, dem man kaum anmerkte, dass er sich für diese "Pique Dame"-Aufführung lediglich eine kurze Lotsen-Einweisung gestattete. Hermann immer etwas linkisch-verdrückt auf der Bühne - passt ja wunderbar zum Stück. Und bei Domingo ist es ohnehin einerlei, was er singt, sondern dass er kam, Münchens Opernfestspielen ein nicht zu toppendes Star-Glanzlicht aufsteckte.</P><P><BR>Bleibt also die entscheidende Frage: Wie war er? "Immer noch", das wäre der falsche Begriff. Domingo, obgleich bereits 61/68 (je nach Quelle), rangiert in diesem Fach wohl noch einige Zeit auf Platz eins. Den Italo-Machos samt Spitzenton-Gestemme hat er längst addio gesagt, als Charakterheld à la Hermann kann er mit Bühneninstinkt, makelloser Mittellage, elegantester Phrasierungskunst, gelegentlichen Aufwallungen in der oberen Stimmetage und einem Timbre glänzen, das einfach unter die Haut geht.</P><P><BR>Und: Sobald er die Bühne betritt, ist Emotion da, sogar in David Aldens seltsam kalter, unlogischer Inszenierung. Die geriert sich als hübsche Wiederbelebung der Sowjetzeit, blickt indes mit der feisten Haltung des Besserwessis auf diese Gesellschaft, benutzt den Furnierholzcharme samt roter Sterne nur als Ausstattungsgag - ohne damit unter die Oberfläche der Oper und ihrer Puschkin-Vorlage zu dringen.</P><P><BR>Wie unwichtig der Plunder ist, zeigte sich in den wirklich starken Momenten des Abends: im großen Liebesduett Hermann/Lisa, vor allem aber in der Szene mit der tödlich erschreckenden Gräfin, von Josephine Barstow sehr faszinierend als zwischen Erotik und Verfall schwankende Frau gezeichnet. </P><P><BR>Wohl um den Star auf einsamer Höhe auszustellen, gab's für die übrigen Hauptpartien nur die B-Besetzung. Sergej Leiferkus (Tomskij) und Vassiliy Gerello (Jelezkij) lieferten zwar die nötigen Dezibel, protzten indes gern als vokale Raubeine, Katarina Dalayman hatte mit unvorteilhaftem Outfit und leider auch mit arg glanzlosem, charmefreiem Sopran zu kämpfen.</P><P><BR>Dies war wieder mal eine undankbare Aufgabe für Dirigent Jun Märkl, der in solchen Himmelfahrtskommandos nie sein Können ausspielen darf: Er mühte sich redlich, das Probendefizit auszugleichen, konnte aber manch Konfusion im Orchester nicht ausgleichen, brachte nur mit Mühe aus dem Tritt geratene Chöre auf Linie. Die Einzige - welch Ironie des Abends -, die auf Domingos Niveau agierte, war Elena Zaremba (Polina). Vergesst also Puschkin: Am besten Hermann lässt Lisa links liegen und wird mit diesem Carmen-Ersatz auf seiner Datscha glücklich. Was wäre das für ein Final-Duett geworden . . . <BR><BR></P>

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