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Friederike Mayröcker: „Ich hasse alles Erzählen so sehr“

Neuerscheinung

Mayröckers "études": Stocken, suchen, staunen

München - Im herben, poetischen Bewusstseinsstrom: Friederike Mayröcker hat mit ihren Prosagedichten "études" eine Art Tagebuch verfasst.

Vielleicht ist die Sprache halt doch nur ein Provisorium: Die unendliche Fülle der Realität, ihre fließenden Valeurs können Wörter mit ihrer Tendenz zur pauschalen Abstraktion teils nur unvollkommen erfassen. Weshalb die berühmte Suche des Dichters nach dem einen treffenden Wort öfter im Kompromiss endet. Friederike Mayröcker hingegen ist da schon weiter: Wo es das eine Wort nicht gibt, setzt sie mit Schrägstrichen mehrere nebeneinander, die sich jeweils dem Gegenstand annähern. Weil das, was gesagt werden soll, eben nur im Zwischenraum erahnbar wird, wo sich die Bedeutungswellen der Wörter überlagern gleich Klängen: „wie sie, des Singvöglein’s Kralle sich krümmet/ windet ums Ästchen“.

Und wenn die große österreichische Autorin immer wieder die Abkürzung „usw.“ in ihre bezeichnenderweise oft unvollendeten Sätze einfügt, dann ist diese „Faulheitsfloskel“, die jeden Oberlehrer zum Toben brächte, tatsächlich der Verweis auf das Unsagbare, das sich hinter dem Gesagten auftürmt: „mit dem Finger weisen : dort, dorthin!, weil man nicht erklären will/ kann, weil die Worte nicht kommen“, heißt es in Mayröckers jüngstem Werk „études“ – einem Beispiel für hochkarätige Gegenwartsliteratur.

Äußerlich wie ein Tagebuch gegliedert, indem jedem Prosastückchen ein Datum zwischen Januar 2011 und Dezember 2012 zugeordnet ist, fließt der Text dieser herb-zarten „Studien“ und lyrisch flirrenden „Übungen“ doch als Bewusstseinsstrom dahin. Aber die Mayröcker versucht nicht einfach, Gedankenbewegungen abzubilden, sondern verspinnt wie absichtslos das Fluten der Assoziationen zu einem filigranen poetischen Gewirk. Wobei man ihre bekannte eigenwillige Orthographie („dasz“) und subjektive Interpunktion nicht als Markenzeichen missverstehen darf. Vielmehr rauen diese Normabweichungen die glatte Beliebigkeit auf, mit der die Alltagssprache eine Selbstverständlichkeit der „Kommunikation“ suggeriert, die bloß vernebelt, dass Verständigung oft misslingt.

Erinnerungen an die Kindheit, die Liebe fließen in den „études“ nahtlos zusammen mit Träumen der letzten Nacht oder mit Wahrnehmungen des vermeintlich Unscheinbaren, die als beiläufige Epiphanien erglänzen. Raum und Zeit scheinen sich aufzulösen, lange Vergangenes ist wie gegenwärtig oder gerade eben gewesen. Und doch bleibt in diesem Stocken und Suchen, das zum betörenden somnambulen Singsang anschwillt, der Schmerz, ja das ungläubige Staunen angesichts der Vergänglichkeit unüberhörbar. Bis sich das melancholisch mäandernde Wortgeriesel schließlich gegen Ende des Buches zum ergreifenden Klageruf bündelt, zu einem verzweifelt lebensbejahenden De-Profundis-Schrei: „und ich werde alles verfluchen weil ich nicht davon will weil die Erde doch so wunderschön (...) es hüpft mein Herz so liebe ich dieses Leben aber einmal wird es wie 1 Seifenblase, zerplatzen welch 1 Unfug dasz wir davon müssen“.

Vieles in diesem Buch, nicht nur die Erinnerungen an den verstorbenen Lebensgefährten Ernst Jandl, wirkt so „privat“, dass es im inhaltlichen Sinne kaum zu entschlüsseln ist. Aber darum geht es auch gar nicht in Mayröckers Prosagedichten. Und wie ein Roman oder Geschichten ließen sich ihre Sprachkunstwerke ja noch nie lesen. Zur Bekräftigung dessen hat sie diesmal sogar einen Satz von Jean Paul als Motto vorangestellt, der schon vor 200 Jahren der Gier nach dem Plot eine Absage erteilte: „und ich hasse doch, sogar im Roman, alles Erzählen so sehr“.

Friederike Mayröcker: „études“. Suhrkamp Verlag, Berlin, 194 Seiten; 19,95 Euro.

Von Alexander Altmann

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