Stöckelschuhe und Seemannsgarn

- Edward Morgan Foster, einer der beiden Textlieferanten von Benjamin Britten, hätte womöglich protestiert. "Billy ist unser Erlöser", notierte er, "und doch ist er Billy, nicht Christus". Was der Regisseur, Kitsch-verliebter Überdeutlichkeit nicht abgeneigt, irgendwie überlesen haben muss. Wir sehen also Billy an eine Golgatha-gleiche Leiter gefesselt, dann die "Kreuzabnahme" durch Captain Vere, als Eingangsbild aber, aus dem sich alles als Rückblende entwickelt: Billy als Pietà in den Armen dieses Mannes, der durch den schönen Matrosen sein emotionales und erotisches Erweckungserlebnis hatte - der "Messias" also gescheitert?

<P>Gut ein halbes Jahrhundert hat es gedauert, bis "Billy Budd", Benjamin Brittens 1951 uraufgeführtes Meisterwerk, an der Bayerischen Staatsoper angekommen ist. Ein hochtheatrales Stück zwischen Seemannsgarn und Homoerotik, zwischen Kriegs- und Menschenrecht, zwischen verborgener (Zu-)Neigung und Pflichterfüllung. Ein Stück also, das "funktioniert" und berührt, wie der enthusiastische Premierenbeifall zeigte. Kein Buh, nicht einmal für Regisseur Peter Mussbach, dafür Bravi schon vor Beginn, als Kent Nagano, GMD ab 2006, den Graben enterte.</P><P>Und mag's im Orchester auch murren, weil man sich bei Naganos Berufung übergangen fühlte, weil auch das absurde Argument kursiert, der Neue habe doch kaum Opernerfahrung: Das Dirigat des künftigen Chefs weckt große Neugier. Nagano änderte die Sitzordnung, platzierte tiefe Streicher links und die Bläser direkt vor ihm, wodurch das eigentümliche Kolorit von Brittens Partitur noch verstärkt wurde. München muss also umhören. Denn Nagano ist ja kein Freund süffiger Unverbindlichkeit, sondern ein Schattierungs- und Strukturtüftler. </P><P>Was vorherrscht, ist ein scharfkantiger, gläserner Klang, eine kühle, wiewohl nie gefühlsfreie Clarté, aus der solistische oder motivische Floskeln fast herausgestanzt werden. Die Chorszenen wabern nicht, sondern treffen den Hörer mit genau profilierter Heftigkeit. Und die subkutane, "wissende" Emotionalität des Orchesterparts ist nie nur Grundierung, sondern wird von Nagano geradezu ausgestellt. Dabei führt er vor: In der scheinbaren Naturalistik von Brittens Melos lauert immer auch Unbehagliches.</P><P>Dass er, der die vieraktige Urfassung mitentdeckte, diese Musik tief verinnerlicht hat, spürt man, sieht man auch in jedem Takt. Nagano wendet der Bühne viel Aufmerksamkeit zu, steuert mit kleinteiligen Bewegungen und wählt rasche Tempi, was dem Apparat einiges Reaktionsvermögen abverlangt. Dass manches noch Absicht bleibt und beim Ensemble nicht verfängt, dass es nach der Pause zu Schlingerbewegungen kommt, ist der Fremdelphase geschuldet - immerhin hat Naganos Münchner Ära nicht einmal begonnen.</P><P>Zweifellos ist dieser "Billy Budd" also ein musikalisches Ereignis hohen Ranges, zumal auch die Staatsoper eine Besetzung spendierte, die eine Unterscheidung in Haupt- und Nebenrollen fast aufhebt: Der starke, sehr präsente Lynton Black (Flint), Martin Gantner (Redburn), Kevin Conners (Novice) oder Ulrich Reß (Red Whiskers) behaupten sich mühelos gegenüber dem zentralen Trio. Nathan Gunn, rollengemäß ganz Augenweide für weibliche (und männliche?) Besucher, kauft man den naiven, schnell begeisterungsfähigen Matrosen sofort ab. Dass er mit weich gezeichnetem, etwas mattem Bariton singt, dass dieser Stimme kein alles überstrahlendes Heldengeprotze möglich ist, passt da nur zur Konstellation. Denn am bloßen Vorhandensein des Jünglings entzünden sich ja erst die Reaktionen der von versteckter Homosexualität geplagten Handlungsträger.</P><P>Der großartige John Tomlinson kleidet Claggart zwar in die nachtschwarze Expressivität seines Basses, gibt indes einen Brutalo, bei dem äußerliche Härte die Folge eines inneren Kampfes ist. Anders John Daszak, dessen heller, diktionsgenauer und in jeder Lage drucklos geführter Tenor stets einem lyrischen Tonfall verhaftet bleibt. Gewiss ließe sich Captain Vere heldischer, dramatischer denken. Doch mit Mussbach entwickelt Daszak das Charakterporträt eines Zauderers, eines Fremdkörpers zwischen Matrosen-Martialik. Nach dem Todesurteil für Billy gewinnt Vere an Festigkeit, greift zu Claggarts Schlagstock, um - was übrigens musikalisch untermauert ist - Züge des verhassten Offiziers anzunehmen: Mussbachs interessantester Einfall.</P><P>Ansonsten inszeniert er einer Erstaufführung angemessen. Klar erzählend, sehr versiert, auf christliche Symbolik anspielend, Realismus und Seefahrerromantik meidend, wofür ihm Erich Wonder das abweisende Innere eines Schiffsrumpfs gebaut hat und damit weiter seiner 80er-Jahre-Trutzigkeit treu bleibt.</P><P>Das Dreieck Vere/ Budd/Claggart bildet Mussbach als intensives, klug hinterfragtes Beziehungsgeflecht ab, macht klar, wie Homoerotik auf diesem Schiff als kaum verhohlene Bedrohung funktioniert, wenn sich etwa überreife Offiziere eine Portion junges Blut gönnen. Doch dürften solche Kammerspiele nur bis zur zehnten Reihe wahrgenommen werden: Ein Gaze-Vorhang während der Rahmenhandlung und diffus-muffiges Licht lassen Figurenwirkungen kaum bis in höhere Ränge vordringen.</P><P>Problematisch auch die Massenszenen. Nur kein Realismus, also flüchtet sich Mussbach in stilisierte Aufmärsche und Revuenummern, was musikalische Sicherheit bringt, aber auch szenische Hilflosigkeit offenbart. Und dass es um Männerliebe geht, hat man nach zehn Minuten ohnehin begriffen, dafür braucht's kein Stöckelschuh-Ballett. Trotzdem heftige Akklamation, wohl auch, weil sich Mussbach ganz uneitel hinter dieses dringend Repertoire-taugliche Stück gestellt hat. Obwohl ja Meisterwerk, so spricht Britten bescheiden, einen Beigeschmack hat, der "mit einer Menge Staub auf Bibliotheksbänden" assoziiert sei. Sollte es doch einen geben: Zumindest Nagano hat ihn weggepustet.</P>

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