Störung und Beifall bei Grass-Lesung in Hamburg

Hamburg - Literaturnobelpreisträger Günter Grass hat am Sonntagabend in Hamburg erstmals öffentlich aus seinem neuen autobiografischen Buch "Die Box" gelesen.

Der 80-Jährige trug mit großer stimmlicher Bandbreite, immer wieder von Applaus begleitet, im Thalia Theater aus dem gerade erschienenen Werk verschiedene Passagen vor. Zwischendurch diskutierte Grass mit dem Publizisten Hanjo Kesting über sein literarisches Selbstverständnis und seine Familie.

Zum Auftakt störte ein Handvoll Demonstranten der "Konservativ-subversiven Aktion" die Lesung mit Zwischenrufen und warfen Grass "Nebelkerzenprosa" vor - eine Anspielung auf seine lange verschwiegene Mitgliedschaft als 17-Jähriger in der Waffen-SS kurz vor Kriegsende. Auf den Rängen wurden Transparente entrollt mit der Aufschrift www.ungebeten.de grüßt die moralische Instanz Günter Grass. Vatti ist immer dabei". Grass blieb gelassen und fragte unter dem Applaus und der Solidarität des Publikums, für welche Zeitung sie denn diese Aktion machten. Ordner drängten die Demonstranten aus dem Saal, die Lesung blieb dann - bis auf vereinzelte Zwischenrufe - ungestört.

Schon im Vorfeld des Erscheinens des neuen Buches in einer Startauflage von 150 000 Exemplaren hatte Neugierde geherrscht, ob Grass wie in seiner vor zwei Jahren Schlagzeilen machenden Jugend-Autobiografie "Beim Häuten der Zwiebel" bislang Unbekanntes aus seinem Leben preisgeben würde - wie seine Zeit bei der Waffen-SS kurz vor Kriegsende als 17-Jähriger.

In dem neuen Buch porträtiert Grass in teils märchenhafter Form sich und seine namentlich verfremdeten Kinder. Dabei entsteht das Bild einer Patchwork-Familie mit einem im Grundsatz fürsorglichen Vater, der als nahezu besessen schreibender und politisch engagierter Schriftsteller nur wenig Zeit für die Kinder hat. Grass hat sechs Kinder von drei Frauen; seine jetzige Ehefrau Ute hat zwei Kinder in die Ehe mitgebracht.

Mit dem neuen Buch will Grass in diesem Herbst Lesungen auch in Osnabrück, Bremen, Berlin und Göttingen geben, wie der Steidl Verlag mitteilte.

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