In den Gesangs- und Tanznummern stürzen sich alle mit Lust und gutem Timing in die Songs: Szene mit (oben) Philipp Büttner und (v.li.) Sampaguita I. Mönck, Victor Petersen, Peter Schmid, Till Kleine-Möller und Marco F. Toth. foto: zach

Stoff vom Allerfeinsten

München - Die Bayerische Theaterakademie zeigt mit dem Gärtnerplatz-Team das Musical „Kifferwahn“. Lesen Sie hier die Premierenkritik:

Beim Bauen eines Joints kommt es, wie so oft im Leben, auf das rechte Maß an. Locker sollte das Zigarettenpapier mit der Mischung aus zerriebenem Cannabis und Tabak bestreut werden. Auf keinen Fall zu fest darf der Joint gedreht werden. Denn ist er allzu kompakt, erlischt die Glut – und statt bewusstseinsveränderndem Erlebnis, statt verspulter Entspanntheit bleibt nur kalte Asche. Wer das begriffen hat, weiß, warum nicht alle Momente zünden in „Kifferwahn“, dem Musical, das am Freitag im Akademietheater als Koproduktion von Gärtnerplatztheater, Musikhochschule und Theaterakademie seine Münchner Erstaufführung hatte. Manchmal lässt Ricarda Regina Ludigkeit ihre Darsteller zu sehr überdrehen, packt zu viel in eine Szene, sodass diese hochtourig ins Leere läuft – statt eine neue Stufe des Wahnsinns zu zünden.

Das ist schade. Denn ein Blick auf die Entstehungsgeschichte des Musicals hätte die Regisseurin warnen können. „Kifferwahn“ basiert auf Louis J. Gasniers Anti-Drogenfilm „Reefer Madness“ aus dem Jahr 1936. Ursprünglich von einer kirchlichen Gruppe finanziert, um Eltern vor den Folgen des Cannabis-Missbrauchs zu warnen, wurde der Film von einem findigen Produzenten 1938/39 in den Vertrieb genommen, der ihn mit reißerischen Skandalszenen aufpeppte.

„Reefer Madness“ steht keinesfalls allein in der Kinogeschichte. Gerade in den Dreißigerjahren, als das offizielle Amerika den Drogenkonsum seiner Jugend mehr fürchtete als den Kommunismus, waren solche Aufklärungsfilme populär. Kiffen, so die bedrohliche Botschaft, führt direkt zu Prostitution, Wahnsinn, Mord. Die enorme Ernsthaftigkeit, mit der „Reefer Madness“ seine Thesen auf die Leinwand brachte, macht den Film noch heute zum urkomischen, grotesken Erlebnis – und damit lustiger als jeden Joint.

Kevin Murphy und Dan Studney adaptierten diese Geschichte als Musical, das unter der Regie von Andy Fickman 1999 uraufgeführt wurde. Tückisch an dieser Vorlage ist, dass sie (im Gegensatz zu Gasniers Film) um ihre Absurdität weiß und diese dennoch plakativ ausstellt. Vor allem in den Spielszenen hätte die Regie die jungen Darsteller im Akademietheater daher besser gebremst. Wie sehr eine wohlgesetzte Pointe Wirkung entfaltet, zeigt etwa jener Augenblick im zweiten Teil des Abends, als der brave Jimmy, der durchs Kiffen zum Monster wurde, auf dem elektrischen Stuhl sitzt. Kurz vor der Hinrichtung erscheint ihm Jesus – und Jimmy schöpft Hoffnung. „Eigentlich bin ich nur hier, um zu gaffen“, sagt der Menschensohn. Die Lakonie, mit der Jesus-Darsteller Philipp Büttner diesen Satz bringt, hätte anderen Szenen ebenfalls gut gestanden. Doch natürlich befeuerte auch die Premierennervosität das Spiel im oberen Drehzahlbereich. Möglich, dass sich das noch einpendelt.

Der zweistündige Abend hat trotzdem Unterhaltungswert, und das liegt an den Gesangs- und Tanznummern. Hier fühlen sich die angehenden Musical-Darsteller wohler, stürzen sich mit Lust und gutem Timing in die Songs. Ob in den Ensembleszenen oder in Duetten – problemlos finden sie die richtige Haltung, selbst bei Textzeilen wie „Treib es mit dem Mösenluder bis zum letzten Tag“. Leon van Leeuwenbergs deutsche Übersetzung kann eben oft nur plump sein.

Ob Laura Joeken, deren verdorbene Dealerbraut Mae sich ihre Empathie unterm Cannabisdunst erhalten hat, ob Veronika Hörmann, deren Nutte Sally auch ohne Joint jede Sünde wert ist, oder ob Antonia Welke, der es innerhalb weniger Takte gelingt, aus ihrem Mauerblümchen Mary eine Reitgerte schwingende Domina zu machen: Sie alle liefern feine Musicalunterhaltung. Beeindruckend ist auch, wie Nico Schweers die Empörung seines Erzählers den Abend über aufrecht hält – als habe er einen Stock verschluckt. Benjamin A. Merkl gelingt die stärkste Szene, als sein Streber Jimmy nach den ersten Lungenzügen in den Drogensumpf stürzt.

Stoff vom Allerfeinsten ist das, was von der oberen Bühnenebene kommt, die Rainer Sinell ins Akademietheater gebaut hat: Andreas Kowalewitz und seine vier Bandkollegen interpretieren Dan Studneys anspielungsreiche Musik, die im Jazz gründet, knackig und auf den Punkt genau. Bassist Martin Schmid und Marius Wankel am Schlagzeug arbeiten dabei ein stabiles Rhythmusbett aus, das einerseits den jungen Sängern die nötige Sicherheit gibt. Auf der anderen Seite ist es Grundlage für Kowalewitz am Keyboard, Gitarrist Christoph Schultheiß und Luis Ertl (Blasinstrumente), die durch irrwitzige Läufe, bedrohliches Schnarren und düsteres Geschrubbe den Drogen-Wahnsinn in ein mitreißendes Klanggewand packen. Bei diesen Musik-Dealern ist man gerne Stammkunde. Jubel.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen

am 18., 19. 20., 21., 22.,

25. sowie 26. Februar;

Telefon 089/ 2185-1960.

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