Den Stolz auf die Heimat stärken

München - Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege feiert sein 100-jähriges Bestehen. Aber in Feierlaune ist das Amt im Renaissancebau der Alten Münze am Münchner Hofgraben nur zum Teil.

Dem Chef Egon Johannes Greipl machen finanzielle und personelle Auszehrung sowie die denkmalfeindliche Gesetzgebung zu schaffen. Aber vielleicht ist es die Tatsache, dass sich der oberste bayerische Denkmalpfleger mit Jahrtausenden beschäftigt und das Amt auch schon 100 Jahre auf dem Buckel hat, dass Greipl dennoch Zuversicht ausstrahlt. Es ist die Geschichte, die Trost spendet - trotz der momentan erschreckenden Situation der Denkmalsicherung.

Wenn man den Generalkonservator nach dem Beginn von 1908 fragt, holt er historisch aus - um überzeugende Schlüsse für die Gegenwart zu ziehen. "Wenn man zurückschaut, dann waren es die Zeiten der Umbrüche, in denen die Menschen Angst bekamen und sich fragten: Was geht verloren - was bleibt uns noch? Das war ab 1800 die Säkularisation. Ludwig I. begann 1827 dagegenzusteuern. Er wollte, dass etwas bleibt." So wurden Stadtbefestigungen der alten Reichsstädte, Burgen und Schlösser gerettet. Die Industrialisierung in der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert schuf erneut Unsicherheit. "Es gab eine agrarische Umwälzung. Die Städte explodierten. Und wieder der Ruf: Da muss was bleiben", erklärt Greipl. 1908 entstand infolgedessen eine selbstständige Behörde für den Denkmalschutz.

Aber erst die Erschütterung über die Zerstörungen im und insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg brachte 1973 ein Denkmalschutzgesetz hervor - parallel zum Naturschutzgesetz. Die Diskussionen in den 60ern um den Wahnsinn der "autogerechten Stadt", der das urbane Profil zerstört hat, und um die Verseuchung der Umwelt hatten politisch Frucht getragen. "Dieser Stellenwert des Denkmalschutzes trug bis 1990. Dann ging es bergab - bis heute", resümiert Greipl. Und nun holt er sich besagten Geschichts-Trost: "Wir sind gerade wieder in einer Phase, in der die Menschen fühlen, dass etwas bleiben sollte." Die Globalisierung habe die Wirtschaft umgestülpt, es gebe Migrationsströme, und stabilisierende Milieus wie das katholische in Bayern seien verschwunden. "Der Gegensatz von Boom- und entvölkerten Regionen wird stärker. Dazu kommt noch der demografische Faktor. Aber diese Krise ist vielleicht unsere Chance für die Zukunft."

Die Menschen würden spüren, dass der Wert des Echten doch höher sei als der einer Kopie. Das Virtuelle, das Wiederholbare sei eben nichts Besonderes. "Wenn wir unsere Denkmalschutzmedaillen vergeben, merken wir das", erzählt Greipl. Es seien nicht immer Wohlhabende, die ein Haus retten, sondern "junge Leute, Handwerker, Gebildete, die aber sehen: Ich habe mir etwas Eigenes geschaffen." So hat sich zum Beispiel Hans Fritz sen. für ein altes Bahnhofsgebäude in Rimsting, Landkreis Oberbayern, eingesetzt und wurde 2007 dafür geehrt.

 Vom Positiven zum Negativen: Bayern hat rund 120 000 Denkmäler und 960 geschützte Ensembles. Die Verluste in den vergangenen zehn, zwanzig Jahren sind enorm. 50 Prozent der Ensembles mussten aus der Denkmalliste getilgt werden. In Erding sei ein Drittel der schützenswerten Substanz verloren. In den Landkreisen würden zwar weder Kirchen, Rathäuser noch Schlösser angetastet, aber bis zu 40 Prozent der Gebäude in Privatbesitz seien zerstört oder gefährdet. Auf die Frage, ob die Ära unter Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber als die der Groß-Vernichtung bayerischer Identität in die Geschichtsbücher eingehen wird, verweist Greipl nur auf die Fakten. In dessen Regierungszeit sei vor allem auf Technologie, Mobilität und Deregulierung (kein zwingender Denkmalschutz) gesetzt worden. "Aber die Identität des Bildes von Bayern nach innen und außen hängt mindestens zur Hälfte von den Denkmälern ab."

Dass es ein Missbehagen an dieser Art von Politik gebe, schließt Greipl aus der "miserablen Wahlbeteiligung". "Es mag spekulativ sein, aber das schlechte Abschneiden der konservativen Kräfte im Land könnte damit zusammenhängen, dass sie nicht mehr mit der historischen Identität Bayerns, nicht mehr mit einem Sich-Wohlfühlen in Verbindung gebracht werden."

Natürlich will Egon Johannes Greipl nicht nur eine "Negativbilanz" ziehen. Sein Haus habe sich total reformiert. "Bei der Qualität unseres Angebots haben wir trotz der Zwangslage einen riesigen Sprung nach vorn gemacht." Die Zukunft läge jedoch in der Stärkung der Region. Staat und Kommunen müssten "gestaltend in die ästhetische Qualität des Umfelds eingreifen, sonst fallen wir in einen Dritte-Welt-Status". Eine ästhetische Zwei-Klassen-Gesellschaft dürfe es nicht geben. Und gerade für den ländlichen Raum sei "ein geschichtshaltiges Ortsbild" überlebenswichtig. Nur das sei touristisch attraktiv.

Wenn die schönen "Bilder von Bayern" veschwunden sind, werden Urlauber nur noch in München Station machen - mit einem kurzen Abstecher nach Neuschwanstein. "Geld lassen die in der Region dann nicht zurück." Entscheidend sei es, so Greipl, den Stolz auf die eigene Heimat zu stärken: "Produkte, aber auch Essen, Trinken, Bauen müssen etwas Spezielles sein. Dazu ist Bildung, Bildung, Bildung nötig."

Um diese Vision politisch umsetzen zu können, ist wohl ein Kraftakt nötig. Sie könnte tatsächlich unseren ländlichen Raum retten, der derzeit einem massiven Wandel ausgesetzt ist. Vielleicht müsste sich der Denkmalschutz mit dem Landwirtschafts- , Umwelt- und Wirtschaftsministerium zusammentun...

Infos:

Vierbändige Bilanz "100 Jahre Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege". Pustet Verlag, Regensburg; 99 Euro.

www.blfd.bayern.de

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