Ausstellung

Stolze, kunstsinnige Bürger

"Frans Hals und Haarlems Meister der Goldenen Zeit" nennt sich die neue Ausstellung in der Münchner Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung. Haarlem? Goldene Zeit? Im 16./17. Jahrhundert waren die Niederlande im qualvoll langen Krieg mit Spanien (80 Jahre von 1568 bis 1648), das seine Macht im Norden brutal verteidigte.

1588 aber konnten sich zumindest die Nördlichen Provinzen lösen. Tüchtige Seefahrer, tüchtige Händler gab es ohnehin, jetzt jedoch strömten zusätzlich die Flüchtlinge in diese unabhängigen Lande, und damit explodierte der wirtschaftliche Aufschwung regelrecht. Städte wie Haarlem stiegen auf, ihr Bürgertum war höchst selbstbewusst und kunstsinnig. Ein idealer Boden für Maler jeglicher Richtung.

Geldige Wohltäter

Deswegen kann der Besucher in der Münchner Schau alles genießen, was er mit niederländischer - zum Teil flämisch inspirierter - Kunst verbindet (Kuratoren: Pieter Biesboer, Roger Diederen). Üppige Fleischlichkeit trotz Protestantismus, Seestücke, Landschaften, Winterszenerien, Stadtansichten und Architekturbilder, Bauern-Genrebilder und feinere Feste, Stillleben und, ganz wichtig, Porträts. Womit sich früher der Adel in seinem Stolz sonnte, wurde zum Medium für die Bürger, ihre Individualität und ihre Leistungen zu dokumentieren. Deswegen gibt es nicht nur Einzelbildnisse, sondern auch Gruppenporträts, zum Beispiel der sogenannten Regentinnen und Regenten, wobei jeder der Abgebildeten sein eigenes Konterfei zahlte. Die Regenten kamen aus wohlhabendem Haus und führten unentgeltlich die sozialen Institutionen. Sie wurden für Waisen oder Alte, für Kranke oder Behinderte eingerichtet. Erstmals sind die berühmten Gruppenbildnisse der Regenten des Altmännerhospizes von Frans Hals (1581-1666) zusammen in Deutschland zu sehen. Wie überhaupt das Frans-Hals-Museum in Haarlem ungewöhnlich großzügig mit seinen Leihgaben war.

So ist für München eine kleine Werk-Übersicht des Niederländers zusammengekommen, der sich konsequent auf Porträts spezialisiert hatte. Spannend dabei, wie großzügig Hals den Pinsel führt und keinen Wert legt auf die gläserne Präzision seiner Kollegen. Man versteht vor diesen Gemälden, warum sie Impressionisten von Monet bis Liebermann faszinierten. Mehr noch faszinierend für uns ist, dass wir in diesen Bildern mit Menschen in Kontakt treten können, die vor rund 370 Jahren lebten: So sehr sich das Gewand - stets Schwarz-Weiß für die Bürger - von unserem unterscheidet, so ähnlich sind die Haltungen zwischen Lässigkeit, sattem Hochmut und gelassener Bescheidenheit.

Natürlich spielte in dieser grundbürgerlichen Gesellschaft einerseits die Moral in Abgrenzung zum Adel eine enorme Rolle. Andererseits wollte man sich den Spaß, und das erzählen beinahe alle Gemälde, nicht verderben lassen. Der Trick, um aus dieser Zwickmühle herauszukommen, war, Sündiges zwar zu zeigen, aber mit mahnenden Elementen anzureichern. Eine Strategie, die unsere Medien heute ebenfalls gern verwenden. Perfekt funktionierte in dieser Hinsicht das Bibelmotiv "Susanna im Bade". Man führte die fiesen Voyeure und Erpresser vor - und, wie bei Cornelis van Haarlem, gleichzeitig die nackte und sich fast brünstig windende Susanna. Stillleben folgten diesem Prinzip. Man zelebrierte in der Malerei teures Tafelgeschirr, ließ Glas leuchten und Silber schimmern, präsentierte üppige Nahrungsmittel und prunkte mit seinem malerischen Können, das die Härte der Walnussschale genauso spüren lässt wie die bröckelige Konsistenz des reifen Käselaibs. Und doch kann jeder behaupten: Hier wird nicht dem Luxus und der Völlerei gefrönt. Denn allein schon die Zerbrechlichkeit des Glases signalisierte dem Betrachter von damals: Vanitas (leerer Schein)! Alles ist vergänglich!

Natur (fast) pur

Der schöne Schein war freilich nicht alles. In jener Goldenen Zeit gab es eine malerische Revolution, die unser Bildverständnis bis heute prägt - und die uns deswegen gar nicht mehr als Umwälzung auffällt. Das sind die realistischen Landschaftsbilder (ab 1620) und die Stadtansichten. Unspektakuläre Sandpfade durch Dünen und Bäume unter wolkigen Himmeln wurden kunsttauglich. Auch die "Porträts" von Stadtplätzen oder Kircheninnenräumen fanden ihre Abnehmer. Ideal für uns heute. Auf diese Weise erleben wir die versunkene Welt in all ihren Einzelheiten: Wo es zum Beispiel normal war, dass neben den Lustbarkeiten auf dem Wintereis für jedermann, ob reich, ob arm, die Leichen am Galgen baumelten.

Simone Dattenberger

Bis 7. Juni,
Tel. 089/22 44 12, Katalog: 25 Euro. Weiterer Frans Hals: Bei Bernheimer Fine Old Masters, München, ist ein "Heiliger Markus" bis zum 28. Februar zu sehen. Das wiederentdeckte Werk wird für über fünf Millionen Euro angeboten.

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