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Die berühmte Besen-Nummer der „Stomp“-Truppe . 

Zu Besuch bei „Stomp“ in London

Wo der Rhythmus wohnt

London - Man munkelt, dass Theater-Hausmeister die größten „Stomp“-Fans seien. Denn dank der Markenzeichen gewordenen Besen-Nummer bleibt ihnen Arbeit erspart. Doch die Truppe begeistert nicht nur Hausmeister. Ein Besuch in der Heimat des Ensembles.

Die Alte Oper Frankfurt (rund 2200 Plätze), der Rosengarten Mannheim (rund 2100) oder das Festspielhaus Bregenz (rund 1600). Angesichts der Häuser, in denen „Stomp“ gastiert, könnte man eine Sache fast vergessen: Die Rhythmus-Show, die gleichzeitig der Name eines Verbunds weltweit agierender Ensembles ist, hat ihre Wurzeln auf der Straße. Genauer gesagt im britischen Seebad Brighton, wo der Punkrock-Fan und Schlagzeuger Luke Cresswell mit dem Violinisten, Gitarristen und Pianisten Steve McNicholas in den Achtzigern als Mitglieder der Straßenmusiktruppe Pookiesnackenburger umherzog.

Mehr als 15 Millionen Zuschauer weltweit

Eigentlich hätten sich die beiden aufgrund ihrer unterschiedlichen Persönlichkeiten aus dem Weg gehen müssen. Doch sie entwickelten große Sympathien füreinander – und für die Ideen des jeweils anderen. Ihre Vision eines auf Rhythmus basierenden Theaterstücks setzten sie erst aus Geldmangel und später aus Überzeugung mit Sperrmüll und Haushaltsgegenständen um. Um das merkwürdige Schlagwerk inhaltlich aufzufangen, siedelten sie die Handlung im Umfeld einer Putzkolonne an. Gesprochen oder gesungen wurde von Anfang an nicht: Hauptprotagonist war der Rhythmus – erzeugt mal archaisch auf Tonnen, mal komplex auf Spülbecken, mal feinteilig mit Besen. Das überzeugte das Publikum auf der Straße. Ein Auftritt beim „Fringe“-Festival in Edinburgh wurde zur Initialzündung für den Erfolg. Cresswell, der extrovertierte Teil des Duos, stand noch lange auf der Bühne, während sich McNicholas nach und nach zurückzog, als Komponist und Produzent fungierte. „Stomp“ geriet zum Phänomen, das heute mehr als 15 Millionen Menschen gesehen haben.

In London passen gerade mal 388 Menschen ins Theater

Weltweiter Kassenmagnet, und das nicht unbedingt auf Hinterhof-Bühnen – eigentlich logisch, dass der Straßenmusik-Aspekt heute nicht mehr spürbar ist. Oder? Falsch! Wer „Stomp“ in der Londoner Heimat, dem Ambassadors Theatre am Covent Garden, besucht, erlebt die Truppe in vergleichsweise heimeliger Atmosphäre. Der Grund: Wer an fünf Tagen in der Woche ein oder zwei Mal auftritt, muss nicht möglichst viele Fans innerhalb kurzer Zeit unter ein Dach bringen, wie das auf Tour der Fall ist. In London lautet die Mission, ein 388 Gäste fassendes Theater mit herrlich plüschigem Interieur zu füllen. Das gelingt, wie ein Besuch unter der Woche zeigt: Parkett und Ränge sind proppenvoll, als das Licht ausgeht und ein muskulöser Mann mit einem Besen über die Bühne streicht. In den nächsten eineinhalb Stunden lotet die acht Mann starke Truppe die Möglichkeiten aus, Rhythmen mithilfe von Gerümpel zu erzeugen. Erwartbare Methoden, wie mit einem Sambaschlägel kunstvoll auf Tonnen und Eimer zu dreschen, wechseln sich mit weniger naheliegenden ab. Rohrstücke werden auf den Boden getippt und erzeugen Töne, die erst eine Melodie und später Akkordfolgen ergeben. Mit Zeitungen wird trefflich im Rhythmus geraschelt. Es ist die Kreativität in allen Details, die das Publikum mitreißt, lachen und immer wieder staunen lässt.

Neue Nummer mit dem Benzinfeuerzeug

Zum Beispiel über eine neue Nummer im moderat, aber beständig angepassten Programm. Sie lässt aus dem Anschnipp- und Zuklappgeräusch von Benzinfeuerzeugen eine leise Rhythmus- und zugleich eine so minimalistische wie geniale Lichtshow werden. Diese Finesse, gepaart mit komödiantischen Elementen und der Tatsache, dass selbst der Besucher in der hintersten Reihe den Artisten genau auf Finger, Füße und Trommelstöcke schauen kann, lässt unwillkürlich an Kleinkunst oder eben Straßenartistik denken.

Technik kommt kaum zum Einsatz. Die Artisten arbeiten mit dem, was Bühne und Akustik hergeben. Cresswell freut sich über derartige Beobachtungen. Natürlich habe sich „Stomp“ verändert: „Es ist ein bisschen wie eine Sprache. Vor 20 Jahren haben wir ein Alphabet gelernt und daraus eine Sprache zusammengestellt“, erklärt der Gründer. Ihre Anwendung sei nun sicherer und gleichzeitig komplizierter: „Die Show ist technisch viel schwieriger geworden.“ Dennoch habe sich das Konzept nie geändert.

Wichtig ist die Mischung aus Rhythmus und Humor

Dazu gehöre auch der Ansatz, mit dem neue Mitglieder gefunden werden. Fraser Morrison ist der Casting-Direktor: „Der Prozess findet als Workshop statt.“ Beim letzten Mal seien 800 Leute angetreten, am Ende blieben zwölf übrig. „Alles, was man mitbringen muss, ist ein Fuß“, scherzt Cresswell: „Jeder kann kommen. Wir zeigen einen kleinen Teil von ,Stomp‘, und wenn die Bewerber sich damit sicher fühlen, zeigen wir mehr.“ Das werde so lange fortgesetzt, bis sich alle möglichst unwohl fühlen, erzählen die beiden lachend. „So kommen wir an die guten Leute: Schauspieler, Musiker, Artisten oder auch welche, die bisher noch nie etwas mit Rhythmus zu tun hatten, aber komödiantisches Talent besitzen.“ Diese Mixtur zeichne „Stomp“ aus, sagt Cresswell. „Die Verbindung von Rhythmus und Humor ist eine wirklich, wirklich wirksame Art zu kommunizieren.“

„Stomp“

gastiert von 13. bis 18. Juni 2017 in München im Circus Krone; Telefon 089/ 54 81 81 81.


Christoph Ulrich

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