Stoßgebete gen Himmel

- Ein steriler, neon-erleuchteter Raum. Plastiksessel, brauner Teppich, Gummibaum - nur ein Holzaltar weist den Ort als das aus, was er ist: das Andachtszimmer eines Flughafens. Durch Milchglaswände erkennt man ein Werbeplakat: "Beyond the style the emotion". Auf der Seite geht's zur Toilette. Auch in dem Andachtsraum verrichten die Menschen ein Geschäft.

<P>Spirituelle Dienstleistung wird geboten, es herrscht Kommen und Gehen, eine kurze Messe wird gelesen, ein Lied gesungen - theologisches Fast Food in der Reisepause. Bert Neumann hat für Ulrich Seidls Stück "Vater Unser", das unter seiner Regie an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin, Premiere hatte, einen Raum konstruiert, der den Container, der seine letzten Bühnenbilder etwa für "Die Dämonen" dominierte, umdreht. Waren wir damals draußen, sitzen wir jetzt drinnen.<BR><BR>So wenig Erleichterung fürs Auge geboten wird, so wenig entlastet "Vater Unser" das Gemüt. Es beginnt damit, dass sechs Personen hereinkommen. Der Priester betet einen Rosenkranz, und eine gute Viertelstunde lang wird man einfach Zeuge des öden Rituals aus abwechselnden "Vater unser"- und "Ave Maria"-Gebeten. Dann stehen alle wieder auf und gehen. Im Folgenden werden sie einem immer aufs Neue begegnen, abwechselnd, fast immer allein. Nur dreimal reden zwei miteinander, ansonsten herrscht völlige Kommunikationslosigkeit, ist jeder für sich. Dafür beobachtet und hört man ihre Zwiesprache mit Jesus oder Gott, zum Teil intimste Offenbarungen, erhält Einblick in Seelenabgründe.<BR><BR>Stark spielt Maria Hofstätter eine Putzfrau, die mehr Liebe für Jesus empfindet als für ihren kranken Mann daheim. Man sieht eine Stewardess, die ein paar Stoßgebete gen Himmel schickt, Zeugnisse egozentrischer Verzweiflung über das Schwinden der Jugend. Den Sicherheitschef (eindringlich gespielt von Bernhard Schütz), der seinen Frust durch Hyperaktivität kompensiert. Einen Arbeitslosen (beklemmend: Herbert Fritsch), der sich im besten Geschäftsanzug auf dem Flughafen herumtreibt, weil er seiner Familie sein Scheitern nicht eingestehen kann und vortäuscht, er würde zur Arbeit gehen.<BR><BR>Wer die Arbeitsweise des Wiener Filmregisseurs Ulrich Seidl kennt, der mit "Vater Unser" zum ersten Mal fürs Theater arbeitet, der weiß, dass vieles von dem, was man hier hört, authentischen Zeugnissen entstammt. Recherchen in Gemeinden, Gespräche mit Gläubigen, Interviews bieten die Vorlage. Einiges davon findet sich auch in Seidls neuem Film "Jesus, Du weißt". </P><P>Seidls Filme - am berühmtesten wurde "Hundstage" - sprengen die Grenze zwischen Dokumentation und Spielfilm. Wer aber glaubt, Seidl wolle sich über Gläubige lustig machen, mit billigen Effekten provozieren, missversteht dessen Anliegen. Es geht ihm vielmehr um schlichte Bestandsaufnahme, um Vivisektionen von Welten, die man sonst nicht wahrnimmt, um ein Sittenbild der Gegenwart. So ganz kommt er allerdings mit den Mitteln des Theaters nicht zurecht. <BR><BR>Mehr als einmal zieht sich "Vater Unser" ins Selbstplagiat zurück. Seidl verweigert sich der Herausforderung, tatsächlich eine Geschichte zu entwickeln. Was die Szenen zusammenhält, sind allein Leitmotive: Gott als Vater, Jesus als Seelenspiegel, Fragen wie das Theodizee-Problem (Warum lässt der allmächtige Gott das Unglück zu?). Indem der Regisseur die Sprache des Glaubens rekonstruiert, ist "Vater Unser" eine Fortsetzung der Dokumentation mit anderen Mitteln - formal so lakonisch, so stilisiert, so glatt und ruhig wie ein Film von Jacques Tati. Allerdings nicht so witzig.</P>

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