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Stradivari.

Zu Besuch beim Instrumentenbauer

Stradivaris Konkurrenz

Auch Instrumente müssen zum Kundendienst, überholt und nachjustiert werden. Aber was passiert beim Instrumentenbauer? Welche Ausbildung braucht man für den Beruf? Wir haben die Handwerker im Dienste der Musik besucht und stellen sie in loser Folge vor.

Heute: Anton Maller, Geigenbaumeister in Mittenwald.

Vor dem Fenster drängen sich italienische Touristen und schauen neugierig und zugleich bewundernd Anton Maller zu. Der Mittenwalder Geigenbaumeister schabt gerade mit einer Ziehklinge über die Decke einer werdenden Geige. Der 58-Jährige mit dem silbergrauen Vollbart hockt in seiner kleinen Werkstatt, wo er Violinen, Bratschen und auch schon mal ein Cello baut und meint lachend: „Für einen Kontrabass ist es hier zu eng.“ Er ist umgeben von Holz-Zuschnitten unterschiedlichster Art, von Leim- und Lack-Töpfen und einer überschaubaren Reihe von Handwerkszeug.

„Seit 350 Jahren werden hier in Mittenwald für ein Streichinstrument dreierlei Hölzer verwendet: langsam gewachsene Fichte für die Decke, die als schwingende Membran taugen muss. Für Boden, Zargen und Hals Ahorn, der eine gute Leitfähigkeit hat, gut klingt und aber auch dem Zug der gespannten Saiten – 30 Kilo – standhält. Strapazierfähiges, teures Ebenholz wird für Griffbrett und Wirbel genommen.“ Kein Wunder, dass Mittenwald, wo Fichten und Bergahorn im Überfluss wachsen, schon seit Mitte des 17. Jahrhunderts, als Matthias Klotz mit dem Geigenbau begann, zu einem Zentrum avancierte und bis heute in einer Geigenbauschule den Nachwuchs heranzieht.

Auch Maller erlernte sein Handwerk und das Geigenspiel daheim in der Fachschule. Eigentlich wollte der Bub nach der Volksschule Bildhauer werden, aber es gab keine Möglichkeit dazu, und so empfahl ihm seine Kunst- und Werklehrerin den Geigenbau. Nach der Gesellenzeit, die Maller unter anderem in einer der führenden Werkstätten Europas – bei Max Möller in Amsterdam und bei der Firma Hammer & Co. in Stuttgart – verbrachte, ließ er sich mit 21 Jahren als jüngster Geigenbaumeister Deutschlands in Mittenwald nieder. Zur Geschicklichkeit gesellt sich beim Geigenbauer die Beschaulichkeit. „Ich kann während der Arbeit meine Gedanken spazieren führen“, so der Meister.

Seine zehn bis 15 Jahre lang getrockneten Hölzer kauft er in Mittenwald ein: Die dünnen keilförmigen Fichtenholzbretter für die Decke und auch die wie ein Kuchenstück aus dem Ahornstamm geschnittenen „Keile“, die für den zweiteiligen Boden benötigt werden. „Der Ahorn wird als stehendes Holz verarbeitet“, erklärt Maller und zeigt am Instrument, dass die Jahresringe senkrecht verlaufen. In jungen Jahren hat auch Anton Maller sich einmal eine Fichte ausgesucht, gekauft, selbst gefällt, selbst zersägt und dann in seiner Werkstatt weiterverarbeitet. „Das muss man einmal machen, um zu merken, dass man draufzahlt“, lacht der Profi heute. Zunächst werden die Holzteile in Form gesägt und dann mit einem Bildhauermeißel grob gestochen. Danach setzt der Geigenbauer den Hobel an: Wölbungs-Hobel aus Messing, deren kleinster zweieinhalb Zentimeter groß ist. Aus der sanft gewölbten Decke eines Saiteninstruments werden die f-Löcher ausgeschnitten, damit der Schall entweichen kann. Auf der Unterseite der Decke wird ein schmaler Bassbalken angeleimt, der die Resonanz unter den tiefen Saiten verstärkt. Ihm gegenüber setzt der Instrumentenbauer später ein kleines Holzstäbchen – den Stimmstock – zwischen Boden und Decke ein.

Geheimnisse hat jeder Meister

Die Seitenteile der Geige, die Zargen, sind dünne Ahorn-Streifen, die der Geigenbauer feucht über einem heißen Eisen biegt und dann in ein „Formbrett“ – einen „Geigen-Leisten“ – spannt. Danach wird der gewölbte Geigenboden darauf verleimt, das „Formbrett“ herausgehoben und schließlich die Decke aufgelegt. Entlang der überstehenden Ränder arbeitet der Fachmann drei feine Holzstreifen aus Ebenholz und Ahorn wie Intarsien ein. „Das dient zum Schutz der Geige und sieht schön aus“, schmunzelt Maller. Wenn der – seit Stradivaris Norm – 35,5 Zentimeter lange Corpus fertig ist, schnitzt der Geigenbauer den Hals mit Wirbelkasten und abschließender, fein gedrehter Schnecke. Er passt den Hals mit einem „Schwalbenschwanz-Schnitt“ am Körper an.

Die „weiße Geige“ ist fertig und könnte eigentlich schon gespielt werden. Doch zuvor wird ein Lack aus verschiedenen Harzen, die in Alkohol oder Öl aufgelöst sind, gemixt und in zehn bis zwölf Schichten auf das Instrument aufgetragen. Zugesetzte Metallsalze und Pigmente geben die gewünschte Farbe: rötlich, honigfarben oder dunkelbraun. „Da wechselt zuweilen die Mode, aber auf jeden Fall muss die Farbe transparent sein, damit die Holzmaserung sichtbar bleibt.“ Wie jeder Geigenbauer hütet auch Maller seine Rezepte für den „Anstrich“. Mit einem ölgetränkten Leinenlappen werden letzte Pinselspuren vertrieben.

Entsprechend der Spezialisierung kauft auch der Geigenbauer heute „Kleinigkeiten“, die er nur in allzu aufwändiger, teurer Handarbeit herstellen könnte, dazu: die Wirbel (bei Spezialisten aus Erzgebirge und Vogtland), die vorgefertigten Griffbretter, denen er vor dem Aufleimen auf dem Hals den „letzten Schliff“ verpasst, und die Ahorn-Stege, die ebenfalls von Hand nachgearbeitet werden. Jetzt fehlen nur noch die Saiten (früher aus Schafdarm, heute aus metallumsponnenem Nylon), die von den Wirbeln über den Steg geführt und am Corpus-Ende mit Saitenhalter und Endknopf befestigt werden. „Damit die Geige klingt“, verrät Maller, „müssen alle Rädchen ineinandergreifen: Die Holzqualität, die Stärke, die Form, der Lack.“

Nicht nur jedes Holzstück klingt anders, auch mit der Platzierung des Stimmstocks oder mit Ausfräsungen am Steg kann der Geigenbauer den Klang manipulieren. „Eine Geige ist kein Zufallsprodukt, sondern ein maßgefertigter Anzug“, bekennt Maller nicht ohne Stolz. 180 bis 200 Stunden sitzt er an einer Konzert-Violine, die dann zwischen 8000 und 10 000 Euro kostet. Geigen für Studenten oder Schüler gibt es schon für 2000 Euro. Heutzutage spielen die großen Violin-Solisten zwar alle auf antiken Instrumenten, auf Stradivaris, Guarneris, Amatis. Anton Maller stöhnt: „Wir werden immer an den alten Italienern gemessen… Und wenn wir die alten Instrumente reparieren und ihnen auf die Sprünge helfen, machen wir uns eigentlich selbst Konkurrenz.“

Dass allerdings auch „Neubauten“ sehr wohl klingen können, beweist der renommierte Bratscher Jürgen Kussmaul. Er spielt „eine Maller“ – eine Viola für die rechte Hand, die der Mittenwalder Meister für den nach einem Unfall gehandicapten Musiker maßschneiderte.

Gabriele Luster

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