Die Strahlen einer schwarzen Sonne

- In Abwesenheit der Preisträgerin hat Schwedens König Carl VI. Gustaf den Literaturnobelpreis an die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek vergeben. Die 58-jährige Wienerin hatte die Teilnahme an der feierlichen Zeremonie im Stockholmer Konzerthaus unter Hinweis auf ihre psychischen Probleme abgesagt.

Wegen der Verabredung auf eine Überreichung in der österreichischen Hauptstadt trat in Stockholm keine "Vertretung" zur Entgegennahme des ersten österreichischen Nobelpreises für Literatur seit der ersten Vergabe seit 1901 überhaupt auf. In der Laudatio auf Jelinek bezeichnete Akademie-Chef Horace Engdahl die politisch in ihrer Heimat stark kontrovers beurteilte Autorin als "Erbin der langen Linie sprachkritischer Autoren aus Österreich von Johann Nepomuk Nestroy bis Ingeborg Bachmann und Thomas Bernhard". Der Akademie-Sekretär sagte weiter: "Elfriede Jelineks Gesellschaftskritik wird nicht aus der sicheren Distanz des Besserwissers heraus formuliert, sondern aus der Tiefe einer bedingungslosen Ansteckung."<BR><BR>"Unter ihrer Hand bleichen die literarischen Stilarten weg," meinte Engdahl weiter und sagte zum oft betont dunkel und pessimistisch wirkenden Gesellschaftsbild in Jelineks Arbeiten: "Sie ist keine Pessimistin. In ihren Verdammungen knistern eine unverschämte Munterkeit ohne Hoffnung und die Strahlen einer schwarzen Sonne."<BR><BR>Direkt an die nicht anwesende Preisträgerin gewandt rief der im Frack gekleidete Schwede aus: "Hoch geehrte Elfriede Jelinek! Sie haben mit ihren Schriften einer ketzerischen femininen Tradition neue Geltung verschafft und die literarische Kunst ausgeweitet. Sie verhandeln nicht mit Ihrer Gesellschaft und Ihrer Zeit und passen sich nicht Ihren Lesern an. Wenn Literatur aus ihrer Bestimmung eine Kraft ist, die auf nichts Rücksicht nimmt, dann sind Sie heute eine ihrer wahrhaftigsten Vertreter."

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