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Kanagawa Kenmin Hall in Yokohama: Das Publikum jubelte dem „Devereux“-Ensemble um Edita Gruberova zu. Ihre Fans waren erwartungsgemäß außer sich. „Wie bei Sumo-Ringern“ sei das gewesen, formuliert es Staatsopern-Intendant Bachler im Hinblick auf die Verehrung.

Die Strahlenärztin hat nichts mehr zu tun

Mit drei Produktionen und rund 420 Mitarbeitern gastiert die Bayerische Staatsoper derzeit in Japan. Eine Tournee, die nach Erdbeben und Tsunami kurzzeitig auf der Kippe stand.

Jetzt auch noch der Taifun – dachte man. Doch was Fernsehen und Zeitungen vor einigen Tagen mit dramatischem Tremolo in die Welt hinausposaunten, das stellte sich für die Münchner in Tokio anders dar. „Wir hatten eineinhalb Stunden starken Sturm und Regen“, sagt Intendant Nikolaus Bachler. „So was gibt’s in Hamburg jeden Monat. Gut, der Verkehr war behindert. Und ich war wohl der Einzige unseres Teams, der in der U-Bahn stecken geblieben ist.“

Nichts, keine Spur mehr also von den Katastrophen. Wer sich in diesen Tagen durch Japans Hauptstadt bewegt, der erlebt ein gewohnt blitzsauberes Tokio unter spätsommerlicher Sonne: der Normalfall – so es den in dieser Giga-Metropole überhaupt gibt. Und auch die aus München mitgereiste Strahlenärztin, die am ersten Tag noch Wasser und Frühstückseier im Hotel New Takanawa Prince untersuchen musste, hat kaum mehr etwas zu tun: Die bayerische Delegation gibt sich gelassen.

Von den Ängsten kündet eigentlich nur noch der „Wasser-Raum“ neben dem Staatsopern-Büro im Erdgeschoss. Hektoliterweise Evian brachte man aus Deutschland mit, Plastikflaschen abgepackt in Kartons. Drei Liter stehen jedem pro Tag zu. Gelegentlich schaut noch jemand vorbei – vielleicht auch, weil das Getränk eben gratis ist und nicht aus dem Supermarkt ins Hotel geschleppt werden muss.

Drei Münchner Inszenierungen werden in vier Gastspielwochen gezeigt: Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ und Wagners „Lohengrin“, beides dirigiert von Generalmusikdirektor Kent Nagano, sowie Donizettis „Roberto Devereux“. Letzterer eröffnete mit dem Zentralgestirn Edita Gruberova und Friedrich Haider am Pult im benachbarten Yokohama den Vorstellungsreigen. Die fernöstlichen Gruberova-Fans waren erwartungsgemäß außer sich. „Wie bei Sumo-Ringern“ sei das gewesen, formuliert es Bachler. Um den Vergleich nach kurzer Überlegung und aus Höflichkeitserwägungen lachend zurückzunehmen.

Auf rund 5,5 Millionen Euro belaufen sich die Kosten des Gastspiels. Und dank großzügiger Gagen dürfte das Ensemble wie immer mit einem satten Plus an die Isar zurückkehren. Eine Absage hätte nicht nur den japanischen Veranstalter an den Rand des Ruins gebracht, sondern auch den Ruf der Münchner verdorben, ihnen eine Vertragsstrafe eingehandelt – und den heimischen Etat verhagelt. Was in Japan allerdings als „Bayerische Staatsoper“ firmiert, das kann nur mit Zusatzkräften funktionieren. Unter den knapp 420 Delegationsmitgliedern sind 94 Gastarbeiter. Bachlers Angebot an Ängstliche, sie könnten ja mit unbezahltem Urlaub in München bleiben, wurde also von vielen angenommen. Im „Lohengrin“-Orchester, der größten Besetzung, sitzen daher nur rund 50 Prozent Staatsorchester-Musiker, der Rest kommt unter anderem von der Dresdner Staatskapelle sowie von den Berliner und Münchner Philharmonikern.

Für die Ängste und Absagen hat der Intendant Verständnis – und doch: „Eigentlich ist unser Metier eines des Risikos und der Grenzüberschreitung. Da sieht man, wie bürgerlich unser Beruf geworden ist.“ Er sei jedenfalls „unglaublich stolz“, wie viele trotzdem gekommen seien.

Auch Waltraud Meier, weiterer Superstar der Delegation, als „Lohengrin“-Ortrud dabei und bereits zum 18. Mal in Japan, beteuert: „Keine einzige Sekunde“ habe sie erwogen, nicht zu kommen. Vieles sei doch von westlichen Medien hysterisch hochgespielt worden: „Ein Flug hierher, ein Wochenende im Hochgebirge oder ein Wildschwein-Essen, und man ist viel größerer Strahlung ausgesetzt.“ Ausgiebig kann sich die Meier über die typisch deutsche Angst erbosen, ebenso heftig wie über modernistische, gehaltarme Inszenierungen. Dass sie vor sechs Jahren, bei der vorletzten Münchner Tournee, in Peter Konwitschnys „Tristan“ dabei war und nun im „Lohengrin“ von Richard Jones singt, stimmt sie deshalb nicht unbedingt froh – auch wenn sie sich offizielle Äußerungen versagt. Nicht mehr lange werde so etwas in Japan gutgehen, glaubt die Diva: „Die Karten werden hier nicht subventioniert und sind sehr, sehr teuer. Man muss den Leuten daher schon etwas bieten, Intelligentes, Emotionales, das sie gerne mit nach Hause nehmen.“

Immerhin: Waltraud Meier und Edita Gruberova haben Wort gehalten. Andere Promis sind zu Hause geblieben, was die Staatsoper zu Umbesetzungen zwang. Für Jonas Kaufmann, der sich ausgerechnet jetzt einen Knoten aus der Brust operieren ließ, kam Johan Botha als Lohengrin. Der erkrankte Falk Struckmann wurde durch Evgeny Nikitin als Telramund ersetzt. Für José Bros übernahm der 27-jährige russische Tenor Alexey Dolgov die Titelpartie in „Roberto Devereux“; eine Produktion, die nach der Absage von Paolo Gavanelli zudem mit Devid Cecconi als neuem Nottingham über die Bühne geht: So viele Umbesetzungen gab es bei den sieben Münchner Japan-Gastspielen fast noch nie.

Als die Metropolitan Opera im Mai, kurz nach dem Tsunami also, nach Tokio fuhr, mussten die New Yorker mit noch mehr Star-Ausfällen kämpfen, darunter Jonas Kaufmann und Anna Netrebko. Auf den Verkauf wirkt sich das alles inzwischen aus. Zuerst sind die günstigeren Tickets gefragt, die teuren von umgerechnet bis zu 570 Euro eher an der Abendkasse – was nichts mit der wirtschaftlichen Situation zu tun hat: Die Opernfans gehen auf Nummer sicher und kaufen erst, wenn der Star tatsächlich kommt.

Von Panikattacken angesichts der Umbesetzungen ist beim Münchner Intendanten wenig zu spüren. Bachler scheint das eher zu genießen: „Das führt uns doch zurück zu den Ursprüngen unseres Metiers, als man mit dem Planwagen übers Land zog.“ Die japanischen Medien und Veranstalter musste der Intendant dennoch beruhigen. Bei einer Pressekonferenz erschienen auf dringenden Wunsch der Verantwortlichen Waltraud Meier und Johan Botha – als Beweise zum Anfassen.

Aus Tokio berichtet Markus Thiel

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