Tod auf der Straße

- "Dies ist eine Abenteuergeschichte, eine Einladung zum Wahnsinn (Verwandlung in einen Werwolf, Tanz mit dem Vampir), ganz natürlich und doch verboten, verlockend, etwas, das auch du noch im Blut hast." Was Stewart O'Nan ("Die Speed-Queen"), 1961 in Pittsburgh geboren, ein noch unbekanntes Wir raunen und locken lässt, stimmt allerdings überhaupt nicht.

<P>Es sind nicht Hexen, Monster oder Druiden und schon gar nicht fürchterliche menschliche Verfehlungen, die in diesem "Halloween" aus eben gar nicht dunklen Untergründen auftauchen, es sind vielmehr die Geister toter Jugendlicher und die Seelen all derer, die sich wegen dieses Tods quälen. Kurz, das ist nichts Seltsames, nichts Seltenes, ist - leider - Alltag.<BR><BR>Marco, Toe und Danielle sind genau vor einem Jahr an Halloween bei einem Autounfall gestorben. Tim, der das Mädchen auf dem Schoß hatte, ist als einziger körperlich unversehrt davongekommen. Kyle, einst der coolste Kerl der Fünfer-Bande, war so schlimm verletzt, dass er nun ohne Gedächtnis lebt - auf dem Entwicklungsstand eines Kleinkindes. Dann ist da noch Brooks, der Polizist, der als erster am Unfallort war, der sich nicht mehr lösen kann von den Erinnerungen, den grausigen Details des zerfetzten Wagens, der verstümmelten Leichen. </P><P>Der eigenen Schuld. Um ihn spuken die drei, die auch Kyles Mom beobachten. Sie hat ihr Kind nicht verloren und doch verloren. Der düstere Rebell ist verschwunden, gekommen ist ein tapsiger Bub, der sich kaum selbst anziehen kann. Sie fühlt sich als Außenseiterin, ständig beobachtet, bemitleidet als Mutter von dem armen Burschen. Daneben tauchen noch die beiden Spezeln vom alten Kyle, Greg und Travis, auf, die ihn auf ihre pubertäre Art rächen wollen.<BR><BR>O'Nan will keine schaurigschöne Spukgeschichte erzählen. Er entwickelt ein überzeugendes Porträt einer US-amerikanischen Kleinstadt zwischen gepflegten Häuschen-Siedlungen, nach dem Massaker von Columbine massiv gesicherter Schule, Golfclub und Einkaufsmarkt. Kultur beschränkt sich auf Kino, Bücher und CDs. Der Autor zitiert allenthalben Filme und Songtexte, wohl um die Jugendlichkeit "authentisch" darzustellen. </P><P>Das bleibt genauso blass wie Marco, Toe, Danielle, Kyle und sogar Tim. Trotzdem treibt O'Nan durchaus spannend dessen Obsession voran, sich zum Jahrestag des Unfalls an gleicher Stelle umbringen zu wollen; schildert den krampfhaften Versuch Brooks', ihn zu retten, und vor allem auch die Gefühle und Strategien von Kyles Mom. Sie windet sich in dem Zwiespalt, wieder ein normales Leben führen zu wollen, aber es doch nie mehr zu können.<BR><BR>Der Autor will aber mehr. Er schickt seine Geister vor, um Schuld und Sühne literarisch diskutieren zu können, - und scheitert. Er verzappelt sich darin, seinen Spuk-Einfall sinnvoll zu gestalten. Die in Klammern gefangenen und belanglos plappernden Gespenster können ihre Romanfunktion nicht erfüllen. Sie ist genauso nebulös wie sie selbst. Schuld, Leid, Trauer, Verzweiflung, Ausweglosigkeit findet Stewart O'Nan bei Brooks, Kyles Mom oder Tim, formt sie recht gut nachfühlbar aus. Auf ein höheres intellektuelles, die Tiefen auslotendes Niveau vermag er sie jedoch nicht zu heben. Halloween ist halt doch eher ein Fest der Kindergespenster-Schleckereien als wahrer geistiger Nahrung. </P><P>Stewart O'Nan: "Halloween". <BR>Deutsch von Thomas Gunkel. <BR>Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg. <BR>256 Seiten<BR> 19,90 Euro<BR></P>

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