Straße ins Theater-Nichts

- In Nibelungentreue, die ja bekannlich Schlimmes nach sich zieht, halten die Münchner Kammerspiele an dem Autor Jon Fosse und dem Regisseur Laurent Chétouane fest. Jetzt inszenierte er die deutsche Erstaufführung des Stücks "Schatten", das am Freitagabend Premiere hatte. Beide bekamen Applaus, mussten aber auch deutliche Buhs einstecken.

Verdanken die Kammerspiele den Fosse-Arbeiten "Traum im Herbst" und "Winter" -nicht von Chétouane gestaltet -qualitätsvolle Aufführungen, so hat ihnen der Franzose mit seinen Versionen von Lothar Trolles "Hermes in der Stadt" und Goethes "Iphigenie auf Tauris" kein Glück gebracht. Mal Ödnis, mal Unfähigkeit, einen Text überhaupt zu erfassen -bis zur Agonie. Abgesehen davon, dass der Regisseur Schauspieler -gerade unerfahrene -verheizt. Im "Schatten" traf also Regie- Langweiler auf theatralen Zeitlupen-Zelebranten. Fosse führt auch hier seinen Floskel-Stil weiter ("Nein das ist nett/ Dass ich dich treffe"), den er wie Verse niederschreibt, und repetiert die Phrasen.

Mit dieser seriellen Methode tippt er große philosphische Fragen wie Zeit, Raum, Leben, Tod, Erinnerungsvorgänge und Beziehungsmuster an. Dramatische Dynamik bremst er mit seinen Maulfaul-Dialogen und vielen Anweisungen wie "ziemlich kurze Pause" aus. Während die in München schon bekannten Stücke -auch "Da kommt noch wer" -immer eine überraschende Wendung nahmen, bleibt "Schatten" bei Beckett’scher Ereignislosigkeit -aber ohne dessen Theater-Weisheit. Allerdings bietet Fosses Werk bisweilen Komik. Man müsste sie nur zu Tage fördern. Das will Chétouane nicht. Und so sind Lacher bei Sätzen à la "Hier gefällt es mir jedenfalls nicht" entlarvend. Das Hier ist ein recht spannendes, jedoch nicht gut genutztes Bühnenbild. Eine Straßenspur, eingefasst von Leitplanken, läuft diagonal durch den Raum, und der Mittelstreifen aus begehbaren Stegen weiter durch das Zuschauerparkett.

Belanglos und peinlich

Im schwarz-weißen Niemandsland mit einem weißen Ballon als nichtssagendem Akzent warten die Schauspieler aufs Publikum, dem als Prolog eine stumme Beziehungschoreographie vorgeführt wird. Dann entschwindet jede der sechs Personen durch das weiße Türrechteck: als schwarzer Schattenriss. Jetzt könnte man heimgehen, darf aber nicht, weil Chétouane seinen Tanz in zwei Stunden noch mit Text darlegen will. Die Figuren- Verschiebungen auf der Fläche bleiben fast immer belanglos oder werden peinlich. Nur einmal gibt es den Glücksfall eines Rangeleiund Zärtlichkeits-Pas-dedeux zwischen "Mann" und "Freund", in den sich "Das Mädchen" einmischt.

Sprach-/ inhaltlich müssen die Schauspieler -obendrein zum Teil idiotisch kostümiert -selbst schauen, wie sie zurecht kommen. Hans Kremer als "Vater" und Geliebter der "Frau" hat von Vornherein aufgegeben und ist ein Schatten seiner selbst, ein Schauspieler in innerer Emigration. Die "Mutter" von Hildegard Schmahl folgt brav der gedämpften Fosse-Chétouane-Stimmung und ist ganz fade Ehefrau. Die Kammerspiele- Neuzugänge Lena Lauzemis als "Das Mädchen" und Edmund Telgenkämper als "Der Mann" arbeiten sich wacker aus anfänglicher Farblosigkeit heraus; rühren als Paar bisweilen in ihrer Aufrichtigkeit. Fosse hat dem "Mädchen" die schönsten, naivsten, verrücktesten Sätze des Stücks geschrieben. Die Regie aber versagt Lauzemis diesen besonderen Auftritt. "Das Mädchen" wird auf humorfrei, karg getrimmt.

Nur Christoph Luser als "Der Freund" (des "Mannes" und Geliebter des "Mädchens") und Brigitte Hobmeier als "Die Frau" verschaffen ihren Rollen Körper: etwas, was über des Profil eines Schattenwurfs hinausgeht. Odysseus und Aeneas berichten von ihren Ausflügen in die antike Unterwelt, dass sich die Schatten dort überhaupt nicht wohlfühlen. Nach "Schatten" kann man das auch heutzutage sehr gut nachfühlen.

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