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Der Komponist und sein Interpret: Richard Strauss (1864-1949) und Christian Thielemann, Chef der Staatskapelle Dresden.

Gastbeitrag zum 150. Geburtstag

Thielemann: „Strauss war ein genialer Spieler“

München - Ein „untypisches Künstlergenie“ sei Richard Strauss gewesen, findet Christian Thielemann. Der Dirigent erklärt exklusiv in unserer Zeitung, warum er den Jubilar (150. Geburtstag) so bewundert.

Wenn ich Richard Strauss mit Richard Wagner vergleiche, dann fällt auf: Strauss ist spielerischer, eleganter, virtuoser. Bei Wagner geht – abgesehen von den „Meistersingern“ – gleich die ganze Welt unter, mit abgeschlagenen Köpfen wie bei Strauss’ „Salome“ hält er sich nicht auf. Was entscheidend ist: Strauss hat seine Modernität in und mit der Tonalität ausgedrückt. Das finde ich noch viel schwieriger als die Haltung der Zwölftöner, die gleich aus dem System ausbrachen. Strauss sagte sich dagegen: „Die Tonalität verlassen, das machen die anderen, ich nicht.“ Diese Haltung gefällt mir sehr.

Strauss war zutiefst bürgerlich, das meine ich nicht negativ. Bei „Salome“ und „Elektra“ hat er noch experimentiert, ging bis an die Grenzen. Wie ein Geschäftsmann, der sich auf der Dienstreise mal die Reeperbahn gönnt, aber nicht sein ganzes Leben dort fristen mag. Recht bald ging Strauss weg von diesem Außersichsein, schließlich wollte er, dass das Publikum kommt. Der Mann war ein Realist, ein Praktiker, ein Pragmatiker – und ein ungeheuer feinsinniger Mensch. Deshalb ist er bei „Arabella“ und „Capriccio“ gelandet. Er freute sich an den Errungenschaften des Bürgertums und pflegte seine Expressivität immer von einem geschützten Ort aus, damit meine ich seine künstlerische Position und seine Existenz in der Garmischer Villa. Deshalb konnte er sich nicht mehr vorstellen, in einer Metropole zu leben. Er wollte weg von diesen Irren. Er hat mit dem Irresein nur gespielt.

Ich glaube, dass Strauss als Mensch unglaublich umgänglich war. Das ging so weit, dass er einer Sängerin die hohen Töne einfach erließ. Strauss erfreute sich an seiner Fertigkeit und seinem Talent. Er war ein untypisches Künstlergenie und hatte eine glückliche Inspiration. Er brauchte Texte von einer gewissen Leichtigkeit, um zum Komponieren angeregt zu werden.

Jeder Dirigent hat bei Strauss eine Freude an diesem Wahnsinnsklang. Wie abartig schön ein Orchester klingen kann! Ich habe dank Wagner und Strauss immens viel über das Dirigieren gelernt. Man muss die Partituren von Strauss dabei nicht lichten, sondern einfach das dirigieren, was drinsteht. Gerade in unserer Zeit, in der alles nach zu viel und zu fett tönt. Bei Strauss ist das Gegenteil Trumpf. Das ist wie bei Mahler: Der schlechte Mahler-Dirigent will mehr, der gute folgt einfach dem Notentext. Es gibt Filmaufnahmen, die zeigen, wie wenig Strauss beim Dirigieren machte – die linke Hand hat er fast gar nicht gebraucht. Ich glaube, da hat er auch eine Pose zelebriert, dies vielleicht mit einem Augenzwinkern. Nach dem Motto: „Schaut, ich kann mit einer Mini-Bewegung eine Eruption auslösen.“ Übrigens habe ich noch nie ein Foto gesehen, auf dem Strauss ein böses Gesicht macht. Er hatte immer etwas Gelassenes, Schelmisches – bis ins hohe Alter.

Ich habe Richard Strauss in Verdacht, dass er ständig zeigen wollte, wie gut er instrumentieren konnte. Er hatte eine diebische Freude daran, damit zu imponieren – und deshalb ja auch damit angegeben, er könne ein Telefonbuch komponieren. In einem Teil seiner Persönlichkeit war er eben ein genialer Spieler. Und hat sich darüber amüsiert, was man alles in seine Werke hineingeheimnist hat. Wenn es so etwas wie den „normalen Künstler“ geben sollte, dann passt diese Bezeichnung auf Strauss. Er hält uns bis heute den Spiegel unserer Verkrampftheit vor.

Dass er Werke wie „Capriccio“ in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs schrieb, werfe ich ihm nicht vor. Je schrecklicher es auf der Welt zugeht, so dachte er sich, desto mehr braucht man das Gegenteil. Er hat dem Unangenehmen der Welt die Schönheit entgegengesetzt. Etwas, das ich gern unterschreibe. Strauss war ein Unpolitischer. Er hat sich herausgehalten, was für seine Position schließlich auch das Klügste war.

Ein wichtiger Aspekt ist: Man darf bei Strauss nicht zu sentimental werden. Weil bei ihm in den Partituren so viel passiert, ist es wichtig, auf Schlichtheit zu achten, wie zum Beispiel beim Schluss des „Heldenlebens“. Sicher gibt es eine Melancholie in seinen Stücken. Aber das sind Momente, die vorübergehen. Es kommt nie zur Grenzüberschreitung, kurz vorher sagt sich das singende Ich: Nein, ich will doch nicht. Nehmen wir die „Vier letzten Lieder“: Man ist „Hand in Hand durch Not gegangen“, denkt einmal kurz an den Tod, und nun genießt man den Sonnenuntergang. Ähnliches bei der Marschallin im „Rosenkavalier“. Wenn sie die Uhren anhalten will, ist das eine Laune, keine Tragödie. Nach dem Bruch mit Octavian schnappt sie sich bald den Nächsten.

Die Opern von Richard Strauss sperren sich oft gegen eine Modernisierung, was ich sehr beruhigend finde. Der „Rosenkavalier“ ist explizit in der Zeit Maria Theresias angesiedelt. Und wenn in „Arabella“ vom „erregten Tête-à-tête im Stiegenhaus“ die Rede ist, kann ich so etwas nicht in einer Bahnhofshalle spielen lassen. Strauss war ein Atmosphären-Zauberer, das darf man ihm nicht nehmen.

Eines meiner ersten Strauss-Erlebnisse war „Salome“ in Wieland Wagners Berliner Inszenierung. Ich fand das deshalb so toll, weil Martha Mödl die Herodias war. In einer Szene biss sie in einen Apfel und warf ihn dann angewidert weg. Solche Figuren, Klytämnestra eingeschlossen, habe ich als Jugendlicher geliebt.

In Dresden wird mir jetzt erst bewusst, was Strauss ist. Verspielt und trotzdem protestantisch, so ist der dortige Barock. Nicht katholisch auftrumpfend. Auch deshalb hat Strauss in Dresden so viele Opern uraufgeführt. Bei der Staatskapelle hat sich der weiche, teilweise defensive, flexible, trotzdem konturierte Strauss-Klang erhalten. Wenn dieses Orchester spielt, habe ich immer das Gefühl, dieser Komponist kommt gleich um die Ecke.

Es gibt auch Werke, zu denen ich noch nicht den Schlüssel gefunden habe, etwa zur „Sinfonia domestica“. Auch bei „Salome“ geht mir das so, weil ich sie als Figur nicht leiden kann. Strauss gibt ihr keine sympathische Musik. Salome ist kalt, kalkulierend, präpotent. Ihre Forderung nach dem Kopf des Jochanaan ist absolut bewusst geäußert, das ist nicht die Laune eines verzogenen Kindes. „Sie ist ein Ungeheuer“, sagt ihr Stiefvater Herodes. Mag sein, dass diese Figur einiges über die Wünsche und die Fantasie von Strauss verrät...

Unter allen Komponisten ist Richard Strauss derjenige, den ich am liebsten kennengelernt hätte. Ich hätte ihn zum Beispiel gefragt nach den von ihm geforderten schnellen Tempi, mit denen er die Grenze der Machbarkeit erreicht. Wahrscheinlich ist das eine pädagogische Übertreibung – Dirigenten und Sänger neigen schließlich dazu, alles zu verbreitern. Ich hätte auch gern mit ihm darüber gesprochen, warum er – wie in „Elektra“ – so häufig Forte und Fortissimo fordert, obwohl man die Sänger damit zudeckt. Womöglich haben damals die Orchester nicht so laut gespielt, da wollte sie Strauss dazu ermuntern. Eines hätte ich allerdings am liebsten getan: mit ihm Skat gespielt.

Gastbeitrag von Christian Thielemann

Die Osterfestspiele

dauern bis zum 21. April; Christian Thielemann dirigiert die „Arabella“ am 12. und 21. April, dazu auch zwei Orchesterkonzerte und ein Chorprogramm;

Telefon: 0043/ 662/ 8045-361.

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