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Pablo Picasso: Seine Erben, ob Frauen oder Kinder, kämpften um den Nachlass, den der Künstler nicht geregelt hatte. Die ungeheuer wertvollen Werke ziehen stets das Interesse heftig an – auch bei den Erben von Sammlern.

„Er war ein Genie, aber ein herzloses“

Streit um Picassos Nachlass

Pablo Picasso starb am 8. April vor 40 Jahren. Der Spanier hinterließ ein reiches, aber auch sehr komplexes Erbe, denn Frauen spielten in seinem Leben eine besondere Rolle.

Ein weiteres Erbproblem ist aktuell: im Rahmen von Beutekunst-Rückforderungen. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sollen das Gemälde „Madame Soler“ angeblich zu Unrecht besitzen.

Pablo Picasso starb am 8. April vor 40 Jahren. Der Spanier hinterließ ein reiches, aber auch sehr komplexes Erbe, denn Frauen spielten in seinem Leben eine besondere Rolle. Ein weiteres Erbproblem ist aktuell: im Rahmen von Beutekunst-Rückforderungen. Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sollen das Gemälde „Madame Soler“ angeblich zu Unrecht besitzen.

„Madame Soler“: Das Gemälde, das Bayern gehört, fordern die Erben von Paul von Mendelssohn-Bartholdy ein.

Auf den Tod war Pablo Picasso trotz seines Alters von 91 Jahren nicht vorbereitet. Als der Maler am 8. April 1973 in seiner Residenz in Mougins in Südfrankreich an Herz- und Lungenversagen starb, hinterließ er ein reiches Erbe, aber kein Testament. Der Mitbegründer des Kubismus wurde im Garten seines Schlosses Vauvenargues bei Aix-en-Provence beigesetzt.

Da Picasso (1881 bis 1973) den Kunstmarkt gemieden hatte, befand sich zum Zeitpunkt seines Todes vor 40 Jahren ein großer Teil der Bilder im Privatbesitz des Künstlers. Der französische Staat zog die Erbschaftssteuer in Form von Kunstwerken ein. Diese bildeten später den Grundstock der Sammlung des Picasso-Museums in Paris.

Unter den Erben brachen bald Streitigkeiten aus. Auf den Tod des Künstlers folgte unter dessen Angehörigen eine Serie menschlicher Dramen. Der Picasso-Enkel Pablito versuchte unmittelbar nach dem Tod des Großvaters, sich zu vergiften, und starb mehrere Monate danach. Picassos Sohn Pablo erlag zwei Jahre später den Folgen seines Drogen- und Alkoholkonsums. Weitere zwei Jahre später erhängte sich Marie-Thérèse Walter, eine langjährige Geliebte des Malers. Picassos zweite Ehefrau, Jacqueline Roque, erschoss sich 1986, 13 Jahre nach dem Tod des Künstlers.

Im Leben Picassos hatten Frauen eine besondere Rolle eingenommen. Sie inspirierten als Musen die Werke eines der größten Künstler des 20. Jahrhunderts, auch wenn Picasso seine zahlreichen Frauen nicht immer gut behandelte. Die Enkelin Marina beschrieb ihren Großvater als ein „Monster“, das die Frauen gedemütigt und ausgenutzt habe: „Er war ein Genie, aber ein herzloses.“ Picasso war zweimal verheiratet, mit der russischen Tänzerin Olga Koklova (1911 bis 1955) und der Französin Jacqueline Roque (1961 bis 1973). Außerdem unterhielt er langjährige Liebschaften mit den Musen Marie-Thérèse Walter, Dora Maar und Françoise Gilot.

Der Künstler war sein Leben lang von einem beispiellosen Schaffensdrang besessen. Von seiner enormen Produktivität zeugt das Erbe, das er hinterließ: rund 1900 Gemälde, 3200 Keramiken, 7000 Zeichnungen, 1200 Skulpturen und 20 000 Grafiken. Ein von Christian Zervos herausgegebenes Werkverzeichnis ist 33 Bände stark, umfasst aber nicht alle Picasso-Arbeiten. Immer wieder tauchen unbekannte Werke auf, wie kürzlich in Barcelona. Dort wurde im Picasso-Museum auf der Rückseite eines Gemäldes eine Zeichnung entdeckt, die jahrzehntelang unter einer Schutzschicht verborgen war. Die Werke stellen die Experten auch Jahrzehnte nach dem Tod des Meisters vor immer neue Herausforderungen. Pablo Picasso: „Ein Maler darf niemals tun, was die Leute von ihm erwarten.“

Ein anderer Problemkomplex, zu dem auch Picasso-Werke gehören können, ist die Frage der NS-Beutekunst. Nach jahrelangem Streit fordern die Erben des jüdischen Kunstsammlers Paul von Mendelssohn-Bartholdy ein wertvolles Picasso-Gemälde nun per Gericht vom Freistaat Bayern zurück (wir berichteten). Es geht um das Gemälde „Madame Soler“ der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Bis jetzt sei die Klage nicht offiziell zugestellt, sagte eine Sprecherin des Bayerischen Kunstministeriums. Zunächst müsse der Wortlaut der Klage geprüft werden.

Die Staatsgemäldesammlungen hatten Rückgabeforderungen bereits 2010 abgelehnt. Es habe keinen verfolgungsbedingten Verkauf gegeben. Demnach hätten die Erben auch vor 2009 nie Ansprüche auf das Bild erhoben. Dem jüdischen Bankier – einem Neffen des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy und Nachfahren des Aufklärungs-Philosophen Moses Mendelssohn – gehörte bis 1935 eine große Kunstsammlung, darunter mehrere Gemälde von Pablo Picasso. Kurz vor seinem Tod verkaufte er zahlreiche Werke an den jüdischen Kunsthändler Justin K. Thannhauser. Das Werk „Madame Soler“ ging dabei zwischen Juli 1934 und August 1935 an Thannhauser, und zwar offenbar über eine Filiale Thannhausers in der Schweiz.

Vor einer Beschlagnahmeaktion in Paris um 1940 gelang es Thannhauser, einen Teil seiner Gemälde rechtzeitig aus der Stadt herauszubekommen. Die heutige Rahmung des Bildnis der „Madame Soler“ lässt sich laut Staatsgemäldesammlungen in die 1950er-Jahre datieren. Es könne davon ausgegangen werden, dass das Bildnis der „Madame Soler“ zu den Werken gehört, die Thannhauser retten und ohne Rahmen nach New York bringen konnte. Dort habe das Bild in seinen privaten Wohnräumen gehangen. In den 1960er-Jahren bemühten sich die Staatsgemäldesammlungen in München um das Bild; Thannhauser, der selbst nie wieder deutschen Boden betrat, verkaufte das Bild in seine frühere Heimat.

Von Hubert Kahl, Sabine Dobel und Christina Horsten

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