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Streit um Richtung der Bayreuther Festspiele: Störmanöver aus der zweiten Reihe

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Von: Markus Thiel

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Wagner-Büste
Wagner-Beben: Die Festspiele stehen am Scheideweg, beispielhaft ist der Fall des neuen „Parsifal“. © Marcus Führer

Der Chef des Verwaltungsrats foult gegen Katharina Wagner, zugleich steht das Konzept des neuen „Parsifal“ auf der Kippe: Bei den Bayreuther Festspiele tun sich mal wieder Gräben auf.

„Ein bisschen dramatisch“ werde die Sache dargestellt. Einige Fragen seien noch offen, „und diese Probleme werden in den nächsten Wochen sicher gelöst“. Eine Frage des Budgets sei dies eben – und der grundsätzlichen Haltung. Jay Scheib gibt sich ganz cool. Vielleicht weil er als Regisseur, Professor für Theaterkunst und US-amerikanischer Technikfreak einiges gewöhnt ist. Oder weil Haareraufen und Schreien die Sache auch nicht weiterbringen. Die Sache, das ist sein für 2023 geplanter „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen. Wieder einmal gibt es dort eine kleine Revolution, und die heißt „Augmented Reality“ (AR).

Scheibs Regie-Konzept ist bekannt: Mit besonderen Brillen, die das Publikum im Festspielhaus trägt, soll eine andere Realität vorgegaukelt werden. Eine Erweiterung des Bühnengeschehens, ein Türöffner zu künstlichen, im besten Falle aufregenden, verblüffenden Welten. „Parsifal“ sei das perfekte Stück dafür, sagt der 52-Jährige. „Es geht um ein mysteriöses Land des Zaubers, um Religion, um die Durchdringung verschiedener Universen, um die Veränderung unserer Welt.“ Doch das Konzept ist in Gefahr.

Nur ein Teil des Publikums kommt in den Genuss des „Parsifal“-Konzepts

Zu Zeiten des früheren Geschäftsführers Holger von Berg, so ist zu hören, sei geplant gewesen, 2000 Brillen anzuschaffen. Irgendwann sei dies auf 500 reduziert worden, inzwischen auf 200. Was bedeutet: Nicht alle im Festspielhaus werden in den Genuss der digitalen Realität kommen. Scheibs Aufbruch in neue Bühnenwelten wäre damit so gut wie sinnlos, wenn er nur von einem kleinen Teil des Publikums verfolgt wird. Auf Anfrage bestätigt das der jetzige Geschäftsführer Ulrich Jagels: „Mit dem Einsatz dieser neuen Technik betreten wir Neuland, und eine Reihe von technischen, finanziellen und organisatorischen Herausforderungen sind zu meistern, die es nicht ermöglichen werden, allen Besuchern eine AR-Brille anzubieten.“

Nach Sparkurs klingt das. Aber viel deutet darauf hin, dass es sich auch um grundsätzliche Skepsis gegenüber Innovativem handelt. Ein alter Graben ist das, der sich in Bayreuth auftut, der zwischen Erneuerern und Traditionalisten. Auf letzterer Seite steht vor allem die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth um ihren 77-jährigen Vorsitzenden Georg Freiherr von Waldenfels. Der Chef der mächtigen Sponsorenvereinigung und zudem Verwaltungsratsvorsitzende der Festspiele ist alles andere als ein Freund von Festspielleiterin Katharina Wagner und möchte sie, wie kolportiert wird, lieber heute als morgen loswerden.

Sponsoren wenden sich gegen Regie

Dabei scheut von Waldenfels auch vor künstlerischer Einmischung nicht zurück. Gerade als Katharina Wagner mit Semyon Bychkov (2024 für „Tristan und Isolde“) und Daniele Gatti (2025 für „Die Meistersinger von Nürnberg“) die nächsten Dirigenten bekannt gab, warb der CSU-Politiker und frühere bayerische Finanzminister für Christian Thielemann. Er müsse „unbedingt langfristig“ an Bayreuth gebunden werden, sagte von Waldenfels der Deutschen Presse-Agentur. Überhaupt müsse es dort „eigentlich viel mehr um die Musik gehen als um die Regie“. Ein Foul an Katharina Wagner, in Salzburg oder an anderen Opernhäusern undenkbar. Einige der Sponsoren schwärmen demonstrativ vom derzeit laufenden „Lohengrin“ und dem neuen „Tristan“. Nur: Mit hinterfragendem, vielschichtigem Theater haben diese Bilderbögen allenfalls rudimentär zu tun.

Flankiert wird alles seit Monaten von Medienberichten und Geflüster, wie schlecht es gerade um Bayreuth stehe. Eine Kampagne? Dass Katharina Wagner oft direkt und unverblümt agiert, mag manche stören. Und dass der neue „Ring des Nibelungen“ des jungen Regisseurs Valentin Schwarz zumindest im ersten Sommer arg enttäuschte, wird als Beweis für die fehlende Kompetenz der Festspielleiterin gewertet. Doch musste sie – wie auch bei anderen Produktionen – kurzfristige Absagen ausgleichen. Ein Krisen-Management, das so nie geplant war und das nun orthodoxen Wagnerianern in die Hände spielt.

Als Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) auch noch Strukturreformen in Bayreuth anmahnte, kam das den Kritikern gerade recht. Katharina Wagner fordert allerdings seit Jahren nichts anderes. Das Geflecht aus Entscheidungsgremien, die ständig gefragt werden müssen und wollen und sich gegenseitig hemmen, ist beispiellos, veraltet und wird den Erfordernissen eines manövrierfähigen Kulturbetriebs nicht mehr gerecht. Finanzpläne werden dort viel zu spät beschlossen, was Planungen erschwert. Nach einer Strukturreform, die auch eine Art Staatstheater-Lösung bringen könnte, würde zudem der Einfluss der eher konservativ orientierten Sponsoren schwinden. Gut möglich, dass die um Pfründe fürchten.

Katharina Wagners Vertrag läuft bis 2025 - und dann?

Es ist ein Umbruchprozess, der gerade jene schmerzt, die angeblich seligen Zeiten eines Wolfgang Wagner nachtrauern. Das rückläufige Publikumsinteresse, mit dem alle Kulturinstitutionen kämpfen, dient dabei auch als Argument gegen die Bayreuther Führung. Doch ein Publikum will gefunden und erobert werden. Open Airs, Bayreuth im Kino, Wagner für Kinder, Diskurse über die Vergangenheit der Festspiele: Mit alledem versucht Katharina Wagner, ein Festival zu öffnen, das sich unter ihrem Vater als verpanzerte Gralshochburg gefiel. Künstlerisches Scheitern, wie es in der Kunst sein darf, inklusive. Der Zwist um den bebrillten „Parsifal“ ist demnach ein Symptom für Tiefgreifendes. Wagners Vertrag läuft bis 2025. Sie selbst hat offenbar Lust weiterzumachen – wohl unter anderen strukturellen Voraussetzungen.

Es gebe einen zentralen Gedanken im „Parsifal“, sagt Regisseur Jay Scheib: „Der einzige Weg voranzuschreiten, ist der, auch rückwärts zu schauen.“ Und dort erblicke man vielleicht auch einen Komponisten, der stets dem Neuen gegenüber aufgeschlossen war. „Richard Wagner wäre heute glücklich über Augmented Reality.“

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