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Als „unannehmbar“ hat Dirigent Christian Thielemann die Kompetenzüberschneidung mit Nikolaus Bachler bezeichnet.

OSTERFESTSPIELE

Bachler gegen Thielemann: Showdown in Salzburg

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Salzburg/München - Kratz- und Bisswunden sind nicht überliefert, auch kein Türenknallen. Aber frostig muss es gewesen sein, das Treffen Mitte Juli in Bayreuth. Der Ort hat dem einen der Kontrahenten, Nikolaus Bachler, nicht behagt, doch Gegenspieler Christian Thielemann beharrte drauf: Er habe am Grünen Hügel schließlich zu tun. Nicht nur um die Zukunft der Salzburger Osterfestspiele ging es damals, sondern auch darum, ob überhaupt ein kalter Friede zwischen beiden möglich ist.

Bekanntlich ist Nikolaus Bachler, Noch-Intendant der Bayerischen Staatsoper, ab 2021 Kaufmännischer Geschäftsführer der Osterfestspiele und ab 2022 dort Intendant. Thielemann amtiert derzeit als künstlerischer Leiter. Ein Kompetenzproblem also, das nicht zuletzt an Thielemanns finalen Streit bei den Münchner Philharmonikern erinnert: Wer hat in künstlerischen Dingen das letzte Wort? Um endlich Klarheit zu bekommen, hat sich Thielemann nun in einem Brief an die Generalversammlung und den Aufsichtsrat der Osterfestspiele gewendet. Die „Salzburger Nachrichten“ haben das Schreiben öffentlich gemacht.

„Lohengrin“ für 2022 und „Elektra“ für 2023

Thielemann betont darin, dass die Zeit dränge, um für 2022 und 2023 endlich Verträge mit den Sängern abschließen zu können. „Dieser Stillstand gefährdet die Osterfestspiele in ganz erheblichem Maße.“ Die künstlerische Leitung eines Festivals setze es voraus, dass der Leiter alle wesentlichen Programmentscheidungen vorgibt. Dies sei Praxis seit Herbert von Karajan gewesen. „Es ist unannehmbar, dass in diese künstlerische Verantwortlichkeit eines Dirigenten von außen eingegriffen und ihm andere Werke und Programme aufoktroyiert werden könnten.“

Thielemann plant für 2022 Wagners „Lohengrin“ mit Piotr Beczala (Titelrolle), Jacquelyn Wagner (Elsa) und Elena Pankratova (Ortrud), für 2023 Strauss’ „Elektra“ mit Pankratova. Letzteres soll von Katharina Wagner inszeniert werden – für Bachler, so ist zu hören, eine inakzeptable Regie-Entscheidung. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Bachlers und Thielemanns Vorlieben nicht weit auseinanderliegen. Der künftige Intendant habe, so wird berichtet, Wagners „Tannhäuser“ und dessen „Fliegenden Holländer“ vorgeschlagen. Überdies könne er sich den „Rosenkavalier“ von Strauss und Puccinis „Trittico“ vorstellen, aber auch Webers „Freischütz“ und Beethovens „Fidelio“. Werke, die manche nicht zuletzt wegen der langen deutschen Dialoge für nicht passend halten bei diesem internationalen, gern von Italienern besuchten Festival.

„Sieben Jahre Thielemann sind genug“, soll Nikolaus Bachler verlautbart haben.

Wie zu hören ist, möchte Bachler zudem, dass die Osterfestspiele unverwechselbarer und künstlerisch exklusiver werden. Auch stört er sich angeblich an Strukturellem und an den hohen Kartenpreisen. Mit Tickets bis zu 490 Euro ist das Festival das weltweit teuerste. Das Problem nur: Die Osterfestspiele sind auf diese Einnahmen angewiesen, da es nur relativ niedrige öffentliche Zuschüsse gibt. Die Kostensituation hat sich seit den Karajan-Zeiten enorm verändert. Damals spielten die Berliner Philharmoniker im Rahmen ihrer normalen Orchesterdienste in Salzburg, der Berliner Senat hat quasi die Osterfestspiele mittelbar finanziert. Gegenwärtig, mit der Staatskapelle Dresden als Festspielorchester, ist an eine ähnliche Lösung nicht zu denken.

Kostentechnisch sitzen die Festspiele damit in der Falle: Sie können nur populäre Opern spielen (der bisherige geschäftsführende Intendant Peter Ruzicka spricht von zwölf Stücken) und dürfen diese nicht zu billig verkaufen. Jegliche Ambition wurde in der Vergangenheit vom Publikum bestraft. Als Simon Rattle zum Beispiel Brittens „Peter Grimes“ anbot, gingen die Karten nur schwer weg. Thielemanns Vorteil: Er bekommt mit seiner Staatskapelle, wie im vergangenen Frühjahr zu erleben, selbst bei den sperrigen, langen „Meistersingern von Nürnberg“, das Haus voll.

Thielemann soll angeblich demontiert werden

Doch gilt es ohnehin als ausgemacht, dass Bachler von den Salzburger Entscheidungsträgern geholt wurde, um Thielemann zu demontieren und wegzuekeln. „Sieben Jahre Thielemann sind genug“, habe er verlautbart. Ziel ist es offenbar, die Berliner Philharmoniker von den Baden-Badener Osterfestspielen zurückzuholen an die Salzach, dann mit ihrem neuen Chefdirigenten Kirill Petrenko – zu dem Bachler ein hervorragendes Verhältnis pflegt. Außerdem werden die Berliner den Baden-Badenern zu teuer. Dem Vernehmen nach verdienen sie dort erheblich mehr als einst in Salzburg. Womit sich folgende Fragen stellen: Kann sich der österreichische Festspielort dies überhaupt leisten? Kann Bachler die Berliner herunterhandeln? Oder hat er es längst getan?

Eine friedliche Koexistenz zwischen ihm und Thielemann, darauf deuten diverse Äußerungen und Schreiben hin, scheint nicht mehr möglich. Gemäß der Salzburger Vereinbarung, so im Brief des Dirigenten an den Aufsichtsrat und die Generalversammlung, solle Bachler ab 2022 die „künstlerische Gesamtverantwortung“ übernehmen. „Dies steht in eklatantem Widerspruch zu den mir vertragsgemäß übertragenen Kompetenzen“, zitieren die „Salzburger Nachrichten“ aus dem Schreiben. „Die Position der künstlerischen Leitung kann nicht zwei Mal vergeben werden. Es liegt in der Natur der Sache, dass nur ich befugt bin, die Rahmenplanung für die Opern- und Konzertaufführungen zu erstellen. Insofern besteht kein Raum für eine künstlerische Gesamtverantwortung einer anderen Person.“

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