Streitbarer Missionar

- Am Beginn von Nikolaus Harnoncourts Abnabelungsprozess standen zwei Werke: Bachs Matthäus-Passion und Mozarts 40. Symphonie. Beide wollte er, damals Cellist bei den Wiener Symphonikern, nie wieder unter einem Dirigenten spielen. Vor allem die 40. nie wieder so glatt gebügelt wie auf jene Art, die sich im 20. Jahrhundert von Gustav Mahler bis Karl Böhm als "Wiener Mozartstil" etabliert hatte.

Warum Harnoncourt mit der Aufführungspraxis brach, ist nun noch einmal nachzulesen. Nicht in einer neuen Schrift, wohl aber in einem Buch, das Aufsätze, Reden und viele Interviews bündelt: eine Pflichtlektüre für alle diejenigen, die Kunst nur als entbehrliche, höchstens erbauliche Lebensbeilage abtun. Hier gibt ein Moralist Auskunft, erklärt mit einfachen, substanzreichen, oft amüsanten Formulierungen seine Haltung und fordert Kulturpolitisches ein. Harnoncourt ist ein liebenswürdiger bis streitbarer Missionar. Einer, der nicht von Selbstverwirklichung besessen ist, sondern vom Kampf um die wahre Interpretation.

"Ich suche nicht das ,Andere’", sagt er. "Ich führe einfach Mozart auf, und zwar mit dem musikalischen Vokabular, das Mozart zur Verfügung stand und das es ins Vokabular unserer Zeit zu übersetzen gilt." Deutlich wird ein Missverständnis: Harnoncourt ist nicht der Dogmatiker, der auf Darmsaiten und kieksenden Hörnern besteht. Ihm geht es um eine Emotionalisierung der Musik, um ihre Dialoghaftigkeit, auch um Erschütterung. Jeder könne das mit seinen Mitteln auch erreichen - ausdrücklich genannt werden Leonard Bernstein oder Pablo Casals. Dass sich manches wiederholt, bleibt bei einer Interview-Kette nicht aus. Und dass der Leser ob der Aussagen aus dem zustimmenden Kopfnicken nicht herauskommt, ebenso. Fragt sich nur: Warum machen's nicht alle so wie er?

Nikolaus Harnoncourt: "Mozart-Dialoge". Hrsg. von Johanna Fürstauer. Residenz Verlag, St. Pölten, 367 Seiten; 22,90 Euro.

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