Striptease in Sibirien

München - Wahrscheinlich ist für ihn dieses Projekt sogar typisch. Einer, der rund 100 Termine pro Jahr absolviert, der sich nach einer abendlichen Matthäuspassion in Turin schon mal ins Auto setzt, nachts in die Toskana düst, um dort am nächsten Morgen einen Meisterkurs zu geben, den schreckt auch "Schubert in Sibirien" nicht.

Am 2. September 2004 bestieg Bariton Thomas E. Bauer mit dem Pianisten Siegfried Mauser, dem Rektor der Münchner Musikhochschule, die Transsibirische Eisenbahn. Drei Wochen lang gaben sie im zentralen und östlichen Russland sowie in der Mongolei Konzerte. Auf dem Programm: Schuberts Liederzyklus "Die Winterreise".

Ein Film von Klaus Voswinckel, der fast in allen dritten Programmen lief, dokumentierte diese ungewöhnliche Tournee, als späten Nachhall des Projekts führen Bauer und Mauser den Zyklus am 22. Januar im Gegenteil von Sibirien auf: im Münchner Prinzregententheater.

"Man kommt dank solcher Strapazen schon an den Kern des Stücks heran, an jene Erschöpfung, an jenes Ausgegrenztsein, das bei Schubert eine große Rolle spielt", sagt der 37-jährige Thomas E. Bauer. Manchmal sei man tagsüber stundenlang gefahren, habe heftige Verspätungen in Kauf genommen, um abends fast in den Saal zu stürmen und 80 Minuten düstere Romantik zu interpretieren.

"Äußerlichkeiten, das haben wir dadurch gelernt, sind wirklich Nebensache", lacht Bauer. "Es war ein langsames Vordringen in einen Kontinent, das wir gleichsam musikalisch nachvollzogen haben." Spannend sei zu beobachten, "was in diesen drei Wochen intensiver Beschäftigung mit Schubert und Sibirien in einem selbst passiert", berichtet der Sänger. "Ein schweres Gepäck, das man abarbeitet", so sei ihm manchmal der "Seelen-Striptease" dieser 24 Lieder vorgekommen. "Ein Werk, das wirklich an letzte Dinge rührt."

Für ihn ist das kommende Konzert im Prinzregententheater der erste Münchner Liederabend im großen Stil. Einer, der längst überfällig ist: Der gebürtige Niederbayer, musikalisch sozialisiert bei den Regensburger Domspatzen, war an der Isar oft als Oratorien-Solist zu erleben, ihm wurde Anspruchsvolles bei der Münchener Biennale anvertraut (2006 zum Beispiel "Barcode"), gerade hat er Lieder von Peter Ruzicka mit Siegfried Mauser für eine CD eingespielt, zudem füllen Konzerte mit Dirigenten wie Philippe Herreweghe oder Bernard Haitink seinen Terminkalender.

Was Bauer bei der Sibirien-Tournee überraschte und damit beeindruckte: "Die Leute haben wahnsinnig gebannt zugehört." Und das nicht nur in größeren Städten, wo es eine starke kulturelle Tradition gebe, sondern auch an kleineren Orten. "Schubert hat eben einen Ton gefunden, der alle anspricht - auch wenn man den Text nicht sofort versteht."

Singt man deshalb sogar pointierter? Bietet man womöglich mehr Show, um Inhalte besser zu transportieren? Thomas E. Bauer verneint. "Das führt nicht unbedingt weiter. Ich habe mir sowieso angewöhnt, nicht für jedes Repertoire quasi eine andere Stimme einzusetzen. Entscheidend sind Technik und Stil, dann stimmt es."

Mit seinem Klavierpartner Siegfried Mauser ist sich Thomas E. Bauer einig: "Es war eine Reise, die unser Leben beeinflusst hat. Und das mit einem Werk, bei dem man nie an ein Ziel kommt, das folglich nie ,fertig interpretiert werden kann." Ob sich ein solches Projekt gar wiederholen lasse, dann mit anderen Vorzeichen? "Daran haben wir auch schon gedacht", sagt Bauer. "Aber was und wohin? Südpol, Karibik, Wüste? Uns fällt nix anderes ein. Sibirien, das ist einfach nicht zu übertreffen."

Konzert am 22. Januar,

20 Uhr, Prinzregententheater (Tel. 0800/ 545 44 45). Ein "Winterreisen"-Mitschnitt aus Irkutsk ist bei Oehms auf CD erschienen.

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